"Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

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"Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Yuki » Di 9. Jul 2019, 17:14

Hallo zusammen, ich möchte gern diesen Thread zum Teilen und / oder Diskutieren von Ausschnitten aus "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski benutzen. Ich bin noch recht am Anfang des Buches, aber diesen Teil finde ich bisher genial:

Es ist ein Gespräch zwischen der Mutter einer Tochter und einem "Starez" (in meinen Augen so eine Art Erzmönch, der ein breites Ansehen genießt in der orthodoxen Kirche).

»Wie Sie das sagen! Was für kühne, erhabene Worte!« rief die Mama. »Es dringt einem mitten ins
Herz, wenn Sie reden. Und doch, das Glück – wo ist das Glück? Wer kann von sich sagen, er sei ganz
glücklich? Da Sie uns gütigst erlaubt haben, Sie heute noch einmal zu sehen, so hören Sie denn alles,
was ich Ihnen das vorige Mal verschwiegen habe, weil ich nicht den Mut hatte, es Ihnen zu sagen:
alles, worunter ich leide, schon lange, lange leide! Ich leide, verzeihen Sie mir, ich leide ...«
Ungestüm faltete sie ihre Hände vor ihm.

»Worin besteht Ihr Leiden?«

»Mein Leiden besteht im Unglauben ... «

»Im Unglauben an Gott?«

»O nein, so etwas wage ich gar nicht zu denken! Aber das zukünftige Leben, das ist mir ein Rätsel!
Und niemand kann es mir lösen, dieses Rätsel! Hören Sie, Sie Heilsspender, Sie Kenner der
menschlichen Seele! Ich kann natürlich nicht verlangen, daß Sie mir völlig glauben, aber ich
versichere Ihnen hoch und teuer, daß ich nicht leichtfertig zu Ihnen rede, daß mich vielmehr der
Gedanke an ein Leben nach dem Tode aufregt bis zu tatsächlichem Leiden, ja bis zu Schrecken und
Angst ... Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll. Ich hatte mein Leben lang nicht den Mut. Und
jetzt, jetzt wage ich es, mich an Sie zu wenden ... O Gott, wofür werden Sie mich halten!« Sie schlug
die Hände zusammen.

»Sorgen Sie sich nicht um meine Meinung«, antwortete der Starez. »Ich glaube durchaus an die
Aufrichtigkeit Ihres Kummers.«

»Oh, wie dankbar bin ich Ihnen! Sehen Sie, ich schließe oft die Augen und denke: Wie kommt es, daß
alle Menschen glauben? Es wird vielfach gesagt, das habe seinen Ursprung in der Furcht vor
schrecklichen Naturerscheinungen, weiter gar nichts. Und nun denke ich: Wenn ich mein ganzes Leben
geglaubt habe und dann sterbe, und dann ist da nichts, und auf dem Grabe wächst die Klette, wie ich
bei einem Dichter las? Das wäre doch entsetzlich! Wodurch kann ich den Glauben wiedererlangen?
Übrigens habe ich nur geglaubt, als ich noch klein war, mechanisch, ohne etwas dabei zu denken.
Aber wie und wodurch läßt sich das beweisen? Ich bin gekommen, um vor Ihnen niederzufallen und
Sie um Auskunft zu bitten. Denn wenn ich jetzt die Gelegenheit verstreichen lasse, wird mir mein
Leben lang niemand mehr meine Frage beantworten. Wie läßt es sich beweisen, wie kann man zur
Überzeugung gelangen? Oh, das ist mein Unglück! Ich stehe da und sehe, daß allen oder fast allen
rings um mich her die ganze Sache gleichgültig ist und daß niemand sich darum Sorge macht – nur ich
kann das nicht ertragen. Das richtet mich zugrunde, völlig zugrunde!«

»Ohne Zweifel richtet das einen Menschen zugrunde. Beweisen läßt sich hier allerdings nichts; doch
zur Überzeugung zu gelangen, das ist möglich.«

»Wie das? Wodurch?«

»Durch die Erfahrung der tätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre Nächsten tätig und unermüdlich zu
lieben! Je größere Fortschritte Sie in der Liebe machen, desto mehr werden Sie sich überzeugen von
dem Dasein Gottes und von der Unsterblichkeit Ihrer Seele. Und wenn Sie in Ihrer Nächstenliebe bei
völliger Selbstverleugnung angelangt sind, dann werden Sie auch zuversichtlich glauben, und kein
Zweifel wird mehr in Ihre Seele Eingang finden. Das ist erprobt, das ist sicher.«

»Tätige Liebe? Das ist auch wieder eine Frage, und zwar eine schwere, schwere Frage! Sehen Sie,
ich liebe die Menschheit so sehr, daß ich – werden Sie mir das glauben? – manchmal daran denke,
alles, was ich besitze, von mir zu werfen, Lisa zu verlassen und Barmherzige Schwester zu werden.
Ich schließe die Augen, denke und träume; in solchen Augenblicken fühle ich eine unwiderstehliche
Kraft in mir. Keine Wunde, kein eiterndes Geschwür könnte mich schrecken. Ich würde sie verbinden
und mit meinen eigenen Händen waschen, ich würde die Wärterin dieser Leidenden sein, ich wäre
bereit, diese Geschwüre zu küssen.«

»Es ist schon viel und gut, wenn Ihr Geist davon träumt und nicht von etwas anderem. Nein, nein, Sie,
werden wirklich eine gute Tat tun, bevor Sie sich dessen versehen.«

»Aber könnte ich so ein Leben lange führen?« fuhr die Dame erregt, beinahe außer sich fort. »Das ist
die Hauptfrage, das ist die Frage, die mich am meisten quält. Ich schließe die Augen und frage mich:
Würdest du es lange auf diesem Weg aushalten? Und wenn der Kranke, dessen Geschwüre du
wäschst, dies nicht sogleich durch Dankbarkeit vergilt, sondern dich im Gegenteil anschreit, ohne
deine Menschenfreundlichkeit zu bemerken und zu würdigen; wenn er in grobem Ton dies und das
verlangt und sich sogar bei den Vorgesetzten beschwert. Wie es bei Schwerkranken häufig
vorkommt? Was dann? Wird deine Liebe fortdauern oder nicht? Und denken Sie, ich habe mir mit
Zittern und Zagen bereits die Antwort auf diese Frage gegeben: Wenn irgend etwas meine tätige Liebe
zur Menschheit sofort auslöschen kann, so ist es einzig und allein der Undank. Ich bin eben eine
Lohnarbeiterin: ich fordere augenblicklich Bezahlung, Lob und Vergeltung meiner Liebe durch
Gegenliebe. Anders kann ich niemanden lieben!«
Es war ein Anfall aufrichtigster Selbstanklage, und sie blickte, als sie geendet hatte, den Starez mit
herausfordernder Entschlossenheit an.

»Genau dasselbe hat mir schon vor langer Zeit ein Arzt erzählt«, erwiderte der Starez. »Er war ein
schon bejahrter Mann und unstreitig klug. Er sprach ebenso offen wie Sie, zwar scherzend, aber dabei
traurig. ›Ich liebe die Menschheit‹, sagte er, ›aber ich wundere mich über mich selbst: je mehr ich die
Menschen liebe, desto weniger liebe ich den einzelnen Menschen, das Individuum. Wenn ich mich so
meinen Träumereien hingab‹, sagte er, ›hatte ich manchmal die seltsamsten Absichten, der Menschheit
zu dienen. Ich würde mich vielleicht für die Menschen kreuzigen lassen, wenn das einmal irgendwie
nötig wäre – und dabei bin ich außerstande, auch nur zwei Tage mit jemand dasselbe Zimmer zu
teilen. Ich weiß das aus Erfahrung. Kaum kommt er mir nahe, verletzt seine Persönlichkeit schon
meine Eigenliebe und beeinträchtigt meine Freiheit. Ein einziger Tag genügt schon, mich den besten
Menschen hassen zu lehren: den einen, weil er mittags zu langsam ißt, den anderen, weil er Schnupfen
hat und sich fortwährend schneuzt. Sobald die Menschen mit mir in Berührung kommen, werde ich ein
Menschenfeind‹, sagte er. ›Und dabei wurde meine Liebe zur Menschheit bisher desto flammender, je
mehr ich die einzelnen Menschen haßte.‹«

»Was aber soll man tun? Was soll man in solchen Fällen tun? Muß man da nicht verzweifeln?«

»Nein, es genügt schon, daß Sie sich darum sorgen. Tun Sie, was Sie können, und es wird Ihnen
angerechnet werden. Sie haben schon viel dadurch getan, daß Sie sich selbst so tief und aufrichtig
erkennen lernten! Sollten Sie aber jetzt nur deshalb so offen mit mir gesprochen haben, um wie jetzt
ein Lob für Ihre Wahrheitsliebe zu empfangen, dann werden Sie es allerdings in den Großtaten der
tätigen Liebe zu nichts bringen; dann wird das alles nur Träumerei für sie bleiben und Ihr ganzes
Leben wird vorüberhuschen wie eine Vision. Dann werden Sie natürlich auch das künftige Leben
vergessen und sich schließlich selbst auf irgendeine Weise beruhigen.«

»Sie haben mich zerschmettert! Erst jetzt, während Sie sprachen, erkannte ich, daß ich tatsächlich nur
gehofft habe, Sie würden mich loben für meine Offenheit, mit der ich erzählte, daß ich Undank nicht
ertragen kann. Sie haben mir gesagt, wie es in mir aussieht! Sie haben mich ertappt und mir mein
innerstes Wesen erklärt!«

»Ist das die Wahrheit? Nun, nach einem solchen Bekenntnis glaube ich, daß Sie aufrichtig und von
Herzen gut sind. Wenn Sie das Glück nicht erlangen sollten, so bleiben Sie dessen eingedenk, daß Sie
auf gutem Wege sind, und hüten Sie sich, von ihm abzuweichen. Vor allem hüten Sie sich vor der
Lüge, besonders vor sich selbst. Geben Sie acht auf Ihre Lüge, behalten Sie sie zu jeder Stunde, zu
jeder Minute im Auge. Meiden Sie auch den Ekel vor anderen wie vor sich selbst. Was Ihnen an
Ihrem Innern häßlich erscheint, wird allein schon dadurch, daß Sie es bemerkten, geläutert. Meiden
Sie ferner die Furcht, obgleich sie nur eine Folge der Lüge ist. Erschrecken Sie, wenn Sie nach Liebe
streben, nie über Ihren eigenen Kleinmut; erschrecken Sie nicht einmal allzusehr über die schlechten
Handlungen, die Sie dabei begehen. Ich bedaure, daß ich Ihnen nichts Tröstlicheres sagen kann, denn
die tätige Liebe ist im Vergleich zu der nur geträumten ein hartes, schreckliches Ding. Die
träumerische Liebe dürstet nach einer Großtat, rasch ausgeführt und von allen gesehen. Es kommt so
weit, daß man sogar sein Leben hingibt, nur wenn die Sache schnell erledigt wird und so, daß alle es
sehen und loben – wie auf der Bühne. Die tätige Liebe dagegen ist Arbeit und Geduld; sie ist für
manche Menschen gewissermaßen eine richtige Wissenschaft. Ich kann es Ihnen im voraus sagen:
Sobald Sie mit Schrecken wahrnehmen, daß Sie all Ihrem Bemühen zum Trotz dem Ziel nicht nur
nicht näher kamen, sondern sich scheinbar von ihm entfernten – in diesem selben Augenblick, das
prophezeie ich Ihnen, werden Sie plötzlich das Ziel erreichen und deutlich Gottes wundertätige Kraft
erkennen! Gott hat Sie die ganze Zeit geliebt, die ganze Zeit insgeheim geleitet. Verzeihen Sie, daß ich
mich Ihnen nicht länger widmen kann; man erwartet mich. Auf Wiedersehen!«
Yuki
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Thelonious » Mi 10. Jul 2019, 11:34

Hi Yuki,

zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich die "Brüder Karamasow" nie ganz durchgelesen habe :oops: Ich habe mich aber eine Zeit lang ziemlich intensiv mit der ostkirchlichen Orthodoxie beschäftigt und das hat mir viel gegeben. Danke also für diesen input!

Ohne gleich den Namen zu verraten, es gibt hier aber im Userkreis zumindest eine Person mit deutlichen besserem Wissen aus der Ostkirchenorthodoxie. Ich hoffe, dass diese userin jetzt hierdurch angesprochen wird. Wenn nicht, versuche ich zu erläutern.

Gruß
Thelonious
Wir sehen nirgends so tief ins Herz Gottes wie auf Golgatha.
(Benedikt Peters )
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon lionne » Mi 10. Jul 2019, 19:34

Ich kenne nur den Film (mit Yul Brynner und Maria Schell)!
Gruss lionne
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon KoS » Do 11. Jul 2019, 08:36

Klassisches Denken eines Mönches.
Liebe Grüsse, KoS
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Columba » Do 11. Jul 2019, 13:14

Was ist das klassische Denken eines Mönche?
Johannes 8,8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon KoS » Do 11. Jul 2019, 14:13

Dass in der Abgeschiedenheit eines Klosters das sündige Fleisch sterbe.
Liebe Grüsse, KoS
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Columba » Do 11. Jul 2019, 14:54

Dann studiere doch erst mal den ganzen Artikel sorgfältig. Durchgelesen ist er schnell, aber das Verstehen ist wichtig.

Grüsse Columba


PS
Übrigens: Starzen waren nicht immer nur Mönche aus kontemplativen Orden, wie wir sie uns meist vorstellen. Manche waren verheiratet und hatten Kinder.
Johannes 8,8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Yuki » Mi 7. Aug 2019, 13:41

Ein Ausschnitt aus dem Leben jenes Starzen, ein Gespräch mit einem späteren Freund von ihm:

»Welcher Isolierung?« fragte ich.

»Derjenigen«, antwortete er, »die jetzt überall herrscht, besonders in unserem Jahrhundert. Sie hat
noch nicht ihren Abschluß gefunden, die Zeit dafür ist noch nicht gekommen. Denn jeder strebt
danach, seine Persönlichkeit so stark wie möglich abzusondern; er möchte an sich selbst die Fülle des
Lebens erfahren. Dabei ist das Resultat aller seiner Anstrengungen statt der Fülle des Lebens nur
völliger Selbstmord, denn statt sein Wesen allseitig zu entfalten, verfällt man in totale Isolierung.
Denn in unserem Jahrhundert sondern sich alle als Einzelwesen ab; jeder isoliert sich in seiner
Höhle; jeder entfernt sich von dem anderen, verbirgt sich und sein Besitztum – und das Ende ist
schließlich, daß er selbst von den Menschen zurückgestoßen wird und selbst die Menschen
zurückstößt. Er sammelt in seiner Isolierung Reichtum und denkt: ›Wie stark bin ich jetzt und wie
gesichert!‹ Aber er weiß nicht, der Tor, daß er immer mehr in eine selbstmörderische Schwachheit
versinkt, je mehr er sammelt. Denn er hat sich daran gewöhnt, nur auf sich zu hoffen, und hat sich vom
Ganzen abgesondert, hat seine Seele daran gewöhnt, nicht mehr an menschliche Hilfe zu glauben,
weder an die Menschen noch an die Menschheit. Und er zittert nur, daß sein Geld und die Rechte, die
er sich erworben hat, verlorengehen könnten. Allerorten verkennt jetzt der menschliche Verstand in
geradezu lächerlicher Weise, daß die wahre Sicherheit des Individuums nicht in der persönlichen
Isolierung seiner Anstrengungen, sondern im allgemeinen Zusammenschluß der Menschheit besteht.
Doch es wird unzweifelhaft dahin kommen, daß auch diese furchtbare Isolierung ihr Ende findet und
alle mit einem Male begreifen, wie unnatürlich sie sich voneinander abgesondert haben. Eine solche
Zeitströmung wird kommen, und sie werden sich darüber wundern, daß sie so lange im Dunkeln
gesessen und das Licht nicht gesehen haben. Dann wird auch das Zeichen des Menschensohnes am
Himmel erscheinen ... Aber bis dahin muß doch das Banner bewahrt werden. Und ab und zu muß
wenigstens ein einzelner ein gutes Beispiel geben und die Seele aus der Isolierung zur Großtat der
allgemeinen Bruderliebe hinführen, mag er auch deswegen als ein frommer Narr gelten. Das muß
geschehen, damit der große Gedanke nicht stirbt!«


Ich finde das mit der Isolierung sieht man auch heute recht gut: Schon allein die Super-Reichen, die aus Angst vor Diebstahl eine Mauer oder einen Metall-Zaun um ihr Anwesen herum bauen und Security und Wachhunde für ihr Anwesen besorgen spricht für dieses "einander zurückstoßen". Das ist, glaube ich, in vielen ärmeren Ländern auf dem Land ganz anders, wo quasi jeder jeden kennt und einfach ganz unbefangen und spontan auf eine Tasse Tee vorbeikommt. Und wie oft ist es hier bei uns in einer Großstadt so, dass man in einem großen Miethaus wohnt, aber niemand anderen im gleichen Stock wirklich kennt?
Yuki
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Yuki » Mi 7. Aug 2019, 14:28

Folgende Situation aus dem Roman, die mir zeigt, dass es im Kloster bei den Mönchen wohl nicht an erster Stelle darum geht, Gott zu gefallen, sondern um Anerkennung bei den Mitmenschen zu bekommen (damit will ich aber nicht buchstäblich alle Mönche in einen Topf werfen).

(Personen) Vater Sossima: der "Starez", der kürzlich gestorben ist
Vater Paissi: guter Freund des Starzen, der eine Evangeliums-Lesung am Sarg des Verstorbenen hält
Vater Verapont: Gegenspieler des verstorbenen Starzen Sossima, der z.B. für sein viel strengeres Fasten und Beten bei den Mönchen im Kloster bewundert wird. Verlässt fast nie seine Zelle.
Gast aus Obdorsk: Ein Mönch, der aus einem ganz anderen Kloster kommt und sich zu Vater Verapont hält.

(Situation) Nach dem Tod des Starzen Sossima sind die Erwartungen hoch: Viele Menschen aus der Stadt gehen zum Kloster, um Zeuge eines Wunders zu werden. Zum Beispiel gibt es Berichte über frühere Starzen, dass nach ihrem Tod kein Verwesungsgeruch wahrzunehmen war. Ähnliches erwarten nun viele Menschen im Kloster, zumal der Starez zu seiner Lebzeit eine berühmte Persönlichkeit war und von den allermeisten Menschen sehr geschätzt.

Kurz vor seinem Tod hat der Starze Sossima noch über sein Leben geredet und eine Art Predigt gehalten und man bekommt einen guten, authentischen Eindruck von ihm. - Er war wirklich ein Gerechter, dem die Mitmenschen sehr am Herzen lagen. Kurz vorher wurde ihm von den Mönchen sogar ein Prophetie-Wunder zugestanden (auf Wunder legte er in seinem Leben aber nicht so viel Wert; ihm ging es um das praktische Leben im Glauben, den Menschen zu helfen). Ich finde, wenn man sein Leben kennt, dann "muss" man ihn quasi lieb gewinnen.

Nun geschieht es, dass bei der Leiche des Starzen Sossima sich recht schnell ein Verwesungsgeruch ausbreitet. Für viele Menschen ist dies nun ein Zeichen und ein Wink Gottes: Dass der Starez Sossima doch nicht so heilig war, "wie er getan hat". Unabhängig von dieser - in meinen Augen - unsinnigen Wunder-Erwartung der Menschen, entsteht nun eine höchst aufschlussreiche Situation im Kloster:

Allmählich verstummten auch alle anderen vernünftigen Stimmen. Und es schien, als hätten alle, die
den verstorbenen Starez geliebt und die Institution des Starez gehorsam gebilligt hatten, auf einmal
wegen irgend etwas einen furchtbaren Schreck bekommen, als würden sie einander nur scheu und
flüchtig ansehen, wenn sie sich begegneten. Diejenigen aber, die dem Starzentum als einer Neuerung
feind waren, erhoben nun stolz das Haupt.

»Von dem verstorbenen Starez Warsonofi ging kein Verwesungsgestank, sondern Wohlgeruch aus«,
sagten sie schadenfroh. »Doch das hatte er nicht dadurch verdient, daß er ein Starez war, sondern
dadurch, daß er ein Gerechter war.«

Und Schmähreden und sogar schärfste Verdammungsurteile ergossen sich jetzt geradezu über den
toten Starez: »Er hat Irrlehren verbreitet! Er lehrte, das Leben sei heitere Freude und keine
tränenvolle Schule der Demut!« sagten einige besonders Törichte. »Er glaubte nach der neuen Mode
und leugnete das materielle Feuer in der Hölle«, pflichteten ihnen noch Törichtere bei. »Er hielt die
Fasten nicht streng ein, erlaubte sich Süßigkeiten, aß Kirschkompott zum Tee, das liebte er sehr, die
Damen schickten ihm oft welches. Darf ein Mönch strengster Regel überhaupt Tee trinken?« ließen
sich einige Neider vernehmen. »Voller Stolz thronte er auf seinem Stuhl!« bemerkten die
Schadenfrohen mit grausamer Freude. »Für einen Heiligen hielt er sich. Auf die Knie fielen die
Menschen vor ihm, und das nahm er hin, als ob es ihm zustände!« – »Das Sakrament der Beichte hat
er mißbraucht«, fügten die eifrigsten Gegner des Starzentums boshaft hinzu, und sie gehörten meist zu
den bejahrtesten und pflichtstrengsten München, zu den echten Fastern und Schweigern. Zu Lebzeiten
des Entschlafenen hatten sie geschwiegen, jetzt öffneten sie auf einmal ihre Lippen. Und das war
besonders bedenklich, da ihre Worte auf die jungen, noch ungefestigten Mönche eine starke Wirkung
ausübten.

Sehr eifrig horchte auf alles auch der Gast aus Obdorsk, der Mönch vom heiligen Silvester. Er seufzte
tief und wiegte den Kopf hin und her. ›Ja, da hat Vater Ferapont gestern offenbar doch richtig
geurteilt‹, dachte er im stillen, und gerade in diesem Augenblick erschien Vater Ferapont – wie
absichtlich, um die Erregung noch zu steigern.

Ich habe bereits erwähnt, daß er seine kleine hölzerne Zelle am Bienenstand nur selten verließ, daß er
oft sogar lange Zeit nicht in der Kirche erschien und daß man ihm dies wie einem religiösen Irren
durchgehen ließ und ihn nicht an die für alle gültige Regel band. Doch um die ganze Wahrheit zu
sagen, man ließ ihm dies alles mit einer gewissen Notwendigkeit durchgehen. So einen großen Faster
und Schweiger, der Tag und Nacht betete und sogar im Knien schlief, mit der allgemein verbindlichen
Regel zu belästigen, wenn er sich ihr nicht selbst unterordnen wollte – das hätte Anstoß erregt. »Er ist
ohnehin frömmer als wir alle und erfüllt Schwereres, als die Regel verlangt«, hätten die Mönche
gesagt. »Wenn er nicht in die Kirche geht, wird er schon wissen warum – er hat seine eigenen
Regeln.« Und so ließ man denn Vater Ferapont in Ruhe. Den Starez Sossima hatte Vater Ferapont,
wie allen bekannt war, überhaupt nicht leiden können; und nun war auch in seine Zelle die Kunde
gedrungen, Gottes Urteil weiche von dem der Menschen ab, und der Starez sei sogar der Natur
vorausgeeilt. Es ist wohl anzunehmen, daß einer der ersten, die ihm diese Nachricht überbrachten,
der Gast aus Obdorsk war, der ihn am vorherigen Tag besucht hatte und so befremdet von ihm
weggegangen war. Ich habe auch erwähnt, daß Vater Paissi, der fest und unerschütterlich am Sarg
stand und las, zwar nicht sehen und hören konnte, was außerhalb der Zelle vorging, doch das
Wesentlichste richtig erahnte: Er kannte seine Umgebung durch und durch. In Angst ließ er sich
dadurch nicht versetzen; er erwartete furchtlos alles, was sich noch ereignen konnte, und verfolgte mit
scharfem Blick den weiteren Verlauf der Erregung, der sich seinem geistigen Auge bereits darbot.
Aus dem Flur ertönte plötzlich ungewöhnlicher Lärm, der schon offenkundig den Anstand verletzte.
Die Tür wurde weit aufgerissen, und auf der Schwelle erschien Vater Ferapont. Hinter ihm, an den
Stufen vor der Eingangstür, drängten sich, wie man von der Zelle aus deutlich, sehen konnte, viele
Mönche und mit ihnen auch Weltliche. Diese Begleiter traten jedoch nicht ein und stiegen auch nicht
die Stufen hinauf, sondern blieben stehen und warteten ab, was Vater Ferapont weiter tun würde,
denn sie ahnten – und befürchteten es bei aller Vermessenheit sogar –, daß er nicht ohne besondere
Absicht gekommen war. Auf der Schwelle stehenbleibend, hob Vater Ferapont die Arme; unter
seinem rechten Arm blickten die scharfen, neugierigen Augen des Gastes aus Obdorsk hervor, der aus
übergroßer Neugier als einziger hinter Vater Ferapont mit heraufgelaufen war. Die übrigen waren
plötzlich angstvoll noch weiter zurückgewichen, als die Tür geräuschvoll aufgerissen wurde.
Vater Ferapont brüllte mit erhobenen Armen: »Ich treibe dich aus!« und begann abwechselnd nach
allen vier Himmelsrichtungen zu den Wänden und allen vier Ecken der Zelle Kreuze zu schlagen.
Dies verstanden seine Begleiter sogleich; sie wußten, daß er das tat, wohin immer er kam, daß er sich
nicht setzte und kein Wort redete, bevor er den Teufel ausgetrieben hatte.
»Weiche von hinnen, Satanas, weiche von hinnen!« wiederholte er bei jedem Kreuz, das er schlug.
»Ich treibe dich aus!«
Er trug seine grobe Kutte, umgürtet mit einem Strick . Unter dem Hanfhemd war seine nackte, mit
grauen Haaren bewachsene Brust sichtbar. Seine Füße waren vollständig nackt. Bei jeder
Armbewegung klirrten die schweren Büßerketten, die er unter der Kutte trug.

Vater Paissi unterbrach das Lesen, trat ihm entgegen und blieb abwartend vor ihm stehen.
»Warum bist du gekommen, ehrwürdiger Vater? Warum verletzt du den Anstand? Warum verwirrst
du die friedliche Herde?« sagte er endlich mit strengem Blick.

»Warum ich gekommen bin? Das fragst du noch? Was glaubst du?« schrie Vater Ferapont wie ein
Irrsinniger. »Ich bin gekommen, eure Gäste, die unreinen Teufel, auszutreiben. Ich sehe, es haben sich
in meiner Abwesenheit ihrer viele angesammelt. Mit einem Birkenbesen will ich sie ausfegen.«
»Du treibst den Teufel aus und dienst ihm vielleicht selbst!« fuhr Vater Paissi furchtlos fort. »Wer
kann von sich sagen: Ich bin heilig. Du etwa, Vater?«
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Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Yuki » Mi 7. Aug 2019, 14:28

Teil 2

»Unrein bin ich, nicht heilig. Aber auf einen Lehnstuhl setze ich mich nicht, und ich lasse nicht zu, daß
die Leute vor mir niederfallen wie vor einem Götzenbild!« donnerte Vater Ferapont. »Heutzutage
richten die Menschen den heiligen Glauben zugrunde. Der Verstorbene, euer Heiliger«, wandte er
sich an die Menge und deutete mit dem Finger auf den Sarg, »hat die Teufel geleugnet. Gegen die
Teufel hat er ein Abführmittel gegeben. Da haben sie sich nun bei euch eingenistet wie die Spinnen in
den Ecken. Aber heute hat er selbst angefangen zu stinken. Wir sehen darin einen bedeutungsvollen
Fingerzeig Gottes!«

Das war zu Vater Sossimas Lebzeiten wirklich einmal geschehen. Einer der Mönche hatte oft vom
Teufel geträumt, und zuletzt hatte er ihn auch in wachem Zustand zu sehen geglaubt. Als er dies in der
größten Angst dem Starez gestanden hatte, hatte der ihm ununterbrochenes Gebet und verstärktes
Fasten empfohlen. Und als auch das nicht half, hatte er ihm zusätzlich zu einem Abführmittel geraten.
Daran hatten damals viele Anstoß genommen, und am meisten Vater Ferapont, dem einige
Unzufriedene schleunigst von diesem ungewöhnlichen Rat des Starez Mitteilung gemacht hatten.
»Geh hinaus, Vater!« sagte Vater Paissi gebieterisch. »Gott ist Richter, nicht die Menschen.
Vielleicht haben wir hier einen Fingerzeig vor Augen, den weder du noch ich, noch sonst jemand
verstehen kann. Geh hinaus, Vater, und verwirre nicht die Herde!« wiederholte er nachdrücklich.
»Die Fasten hielt er nicht so ein, wie er als Mönch strengster Regel gesollt hätte. Das ist klar, und es
verbergen zu wollen wäre Sünde!« rief der Fanatiker, der sich nicht beruhigen ließ und in seinem
sinnlosen Eifer außer sich geriet. »Von Konfekt hat er sich verführen lassen, die Damen haben ihm
welches in ihren Taschen mitgebracht! Tee hat er geschleckt und seinem Bauch gefrönt! Mit
Süßigkeiten hat er ihn gefüllt, seinen Geist aber mit hochmütigen Gedanken! Darum hat er jetzt diese
Schmach erlitten ...«

»Leichtfertig sind deine Worte, Vater!« erwiderte Vater Paissi, nun ebenfalls mit erhobener Stimme.
»Dein Fasten und deine strenge Askese bewundere ich – doch leichtfertig sind deine Worte, als ob
sie draußen in der Welt ein haltloser, unreifer Jüngling spräche. Geh hinaus, Vater! Ich befehle es
dir!«

»Ich werde schon gehen!« sagte Vater Ferapont, nunmehr wohl etwas verlegen, ohne jedoch in seinem
Zorn, nachzulassen. »O ihr Gelehrten! Infolge eures großen Verstandes dünkt ihr euch über mich
geringen Menschen erhaben. Als ich seinerzeit hierher in die Einsiedelei kam, konnte ich nur wenig
lesen und schreiben. Und hier habe ich das, was ich wußte, auch noch vergessen: Gott der Herr hat
mich Geringen vor eurer Weisheit behütet ...«

Vater Paissi stand vor ihm und wartete in unbeugsamer Haltung.
Vater Ferapont schwieg eine Weile; dann wurde er plötzlich traurig, legte die rechte Handfläche an
die Backe, blickte zum Sarg des entschlafenen Starez hinüber und sagte in singendem Ton: »Über ihm
wird man morgen ›Helfer und Beschützer‹ singen, das ist ein herrlicher Hymnus, über mir aber wenn
ich verrecke, nur das kleine Lied ›Welche irdische Süße‹!« sagte er, sich selbst bedauernd, in
weinerlichem Ton. »Ihr seid stolz geworden und habt euch überhoben! Leer ist diese Stätte!« brüllte
er plötzlich wie ein Wahnsinniger, drehte sich mit einer wegwerfenden Handbewegung um und stieg
schnell die Stufen vor der Eingangstür hinab. Die wartende Menge geriet in Bewegung; einige folgten
ihm, andere zauderten, denn die Zelle war immer noch offen, und Vater Paissi, der hinter Vater
Ferapont herausgetreten war, stand da und beobachtete die Anwesenden. Doch der Alte hatte jede
Beherrschung verloren und war noch immer nicht am Ende. Nachdem er etwa zwanzig Schritte
gegangen war, wandte er sich plötzlich zur untergehenden Sonne, hob die Arme über den Kopf und
stürzte laut schreiend auf die Erde.

»Mein Gott hat gesiegt! Christus hat die untergehende Sonne besiegt!« schrie er rasend und reckte die
Arme zur Sonne empor. Dann warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde und weinte laut wie ein
kleines Kind, so daß sein ganzer Körper von dem Schluchzen erschüttert wurde; die Arme lagen
ausgestreckt auf der Erde.

Nun stürzten alle zu ihm, Ausrufe des Staunens ertönten, einige Mönche fingen bei seinem Anblick
ebenfalls an zu schluchzen. Eine Art Verzückung hatte sie alle ergriffen.
»Da sieht man, wer ein Heiliger ist! Da sieht man, wer ein Gerechter ist!« riefen viele nun bereits
ohne Scheu. »Der müßte Starez werden!« fügten andere zornig hinzu. »Er wird nicht Starez werden wollen. Er ist
selber ein Gegner dieser Einrichtung. Er wird dieser verfluchten Neuerung nicht dienen, wird ihre
Dummheiten nicht nachäffen!« fielen wieder andere ein, und wie weit das noch gegangen wäre,
konnte man sich schwer vorstellen.

Doch in diesem Augenblick begann die Glocke zu läuten, die zum Gottesdienst rief, und alle fingen
an, sich zu bekreuzigen. Auch Vater Ferapont erhob sich, bekreuzigte sich und ging, ohne sich
umzusehen, zu seiner Zelle. Mit seinen Ausrufen war er noch immer nicht zu Ende gekommen, es war
aber nichts Zusammenhängendes mehr. Einige zogen hinter ihm her, allerdings nur wenige, die
meisten trennten sich von ihm und begaben sich zum Gottesdienst.
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