Die Melodie des großen Königs

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Die Melodie des großen Königs

Beitragvon Adam » Sa 18. Dez 2010, 20:09

Die Melodie des großen Königs,
von Max Lucardo

Drei Ritter saßen am Tisch und lauschten dem Prinzen.
„Mein Vater, der König, verspricht die Hand meiner Schwester dem, der sich als erster dieser Ehre als würdig erweist.“
Der Prinz machte eine kurze Pause, damit die Männer die Bedeutung dieser Nachricht aufnehmen konnten. Er sah in ihre Gesichter – sie waren vom Wetter gegerbt und von Kämpfen gezeichnet. Im ganzen Königreich gab es keine besseren Krieger als diese drei. Und diese drei Ritter kannten kein schöneres Mädchen als die Tochter des Königs.
Jeder der drei Ritter hatte beim König um ihre Hand angehalten. Der König hatte versprochen, ihnen eine einzige Change zu geben: Ein Prüfung, um herauszufinden, wer seiner Tochter würdig sei. Und nun war die Zeit der Prüfung da.
„Eure Prüfung ist eine Reise“ , erklärte der Prinz, „ eine reise zum Schloss des Königs, und zwar durch den Schierlingsforst.“
„Durch diesen Wald?“, fragte einer der Ritter.
„Durch den Schierlingswald“ , antwortete der Prinz.
Es herrschte Schweigen, während die Ritter die Bedeutung dieser Worte erwogen. Jeder verspürte eine leise Angst. Sie kannten die Gefahren des Schierlingswaldes; es war ein dunkler und sehr gefährlicher Ort. An einigen Stellen war das Unterholz so dicht, dass nie ein Sonnenstrahl den Boden berührte.
Es war die Heimat der Hoffnichtse – kleiner, listiger Wesen mit großen gelben Augen. Hoffnichtse waren nicht stark, aber sie waren schlau, und es gab sehr viele von ihnen. Manche Menschen glaubten, das die Hoffnichtse verirrte Reisende waren, die die Dunkelheit verwandelt hatte. Aber keiner wusste es ganz genau.
„Reisen wir allein?“ Carlisle war es, der es fragte. Es war eine merkwürdige Frage, wenn man bedachte, dass es der Stärkste von den dreien war, der sie stellte. Sein grimmiges Schwert war im ganzen Königreich wohlbekannt. Aber selbst dieser Steinharte Soldat wusste, das man besser nicht allein durch den Schierlingsforst reiste.
„Ihr dürft jeder einen Begleiter wählen.“
„Aber der Wald ist dunkel. Die Bäume verfinstern den Himmel. Wie sollen wir da das Schloss finden?“ Jetzt war es Alon, der sprach. Er war nicht stark wie Carlisle, aber dafür schneller. Es war berühmt für seine Schnelligkeit. Bei seinen Kämpfen ließ Alon rechts und links verwirrte Feinde hinter sich, denen er entkommen war, indem er sich hinter Bäumen duckte oder flink über eine Mauer schwang. Aber die größte Schnelligkeit nützte nichts, wenn man nicht weiß, wohin man will. Daher fragte Alon: „Wie finden wir den Weg?“
Der Prinz nickte dazu und griff in seine Tasche. Er zog eine Flöte aus Elfenbein hervor. „Es gibt zwei von diesen Flöten“, erklärte er. „Diese hier und eine zweite, die im Besitz des Königs ist.“
Er setzte das Instrument an seine Lippen und spielte eine zarte, wohlklingende Melodie. Noch nie hatten die Ritter eine Melodie gehört, die so viel Ruhe ausstrahlte. „Die Flöte meines Vaters spielt dieselbe Melodie. Sie wird euch den Weg zum Schloss wissen.“
„Wie das?“ fragte Alon.
„Drei mal am Tag wird der König auf den Zinnen des Schlosses spielen. Bei Sonnenaufgang, wenn die Sonne am höchsten steht und bei Sonnenuntergang. Lauscht auf diese Melodie. Folgt ihr, und ihr werdet zum Schloss gelangen.“
„Es gibt noch eine weitere Flöte wie diese?“
„Ja, nur eine.“
„Und Ihr und Euer Vater spielt die gleiche Melodie?“
„Ja.“
Es war Cassidon, der diese Frage stellte. Cassidon war bekannt für seine wache Aufmerksamkeit. Ihm fiel auf, was anderen entging. Er konnte sagen, wo ein Reisender wohnte, wenn er den Dreck an seinen Stiefeln sah. Er wusste, ob jemand die Wahrheit sagte – nur von einen Blick in seine Augen. Er konnte bestimmen, wie groß eine Armee war, wenn er die Anzahl der Vögel betrachtete, die sie aufschreckte.
Carlisle und Alon wunderten sich, warum er sich nach er Flöte erkundigte. Es sollte nicht lange dauern, bis sie es herausfanden.
„Bedenkt die Gefahren und wählt Eure Begleiter sorgfältig aus“, mahnte der Prinz. Und
das taten sie. Am nächsten morgen schwangen sich die Ritter auf ihre Pferde und
ritten in den Schierlingsforst. Jeder hatte den von ihm selbst ausgewählten Begleiter bei sich.



Für die Menschen, die auf dem Schloss des Königs wohnten, vergingen die Tage des Wartens langsam. Alle hatten von der Prüfung gehört. Und alle fragten sich, welcher Ritter wohl die Hand der Prinzessin erringen würde. Dreimal am Tag ließ der König seine Melodie über den Bäumen des Schierlingsforstes erklingen. Und dreimal am Tag hielten die Menschen in ihrer Arbeit inne, um ihr zu lauschen. Nach vielen Tagen und zahllosen Melodien sah ein Wächter zwei Menschen, die aus dem Wald heraus auf die Lichtung stolperten. Niemand konnte sagen, wer die beiden waren. Sie waren noch zu weit vom Schloss entfernt. Die Männer hatten weder Pferd noch Waffen oder Rüstung.
„Rasch“, befahl der König seinen Wachen, „bringt sie her. Versorgt sie und gebt ihnen zu essen, aber sagt niemandem, wer sie sind. Kleidet den Ritter wie einen Prinzen, und dann werden wir ihre Gesichter bei dem Festmahl heute Abend sehen.“
Dann schickte er die Menge davon und befahl, das Fest vorzubereiten.
An diesen Abend erfüllte eine festliche Stimmung die große Halle des Schlosses. Die Gäste an allen Tischen fragten sich, welcher Ritter wohl die Reise durch den Schierlingsforst überstanden hatte.
Dann kam endlich der Moment, in dem der Sieger vorgestellt wurde. Auf das Zeichen des Königs hin wurden die Menschen still, und der König spielte auf seiner Flöte. Noch einmal ertönte das elfenbeinerne Instrument. Die Menschen drehten sich zur Tür, um zu sehen, wer den Saal betrat.
Viele erwarteten, sie würden Carlisle begrüßen, den Stärksten unter den drei Bewerbern.
Andere meinten Alon, der Schnellste. Aber es war keiner von den beiden. Der Ritter, der die Reise überstanden hatte war Cassidon, der Weiseste von ihnen.
Er ging mit schnellen Schritten durch den Raum und folgte ein letztes Mal der Melodie der Flöte. Dann verneigte er sich vor dem König.
„Erzählt uns von Eurer Reise“, wurde ihm befohlen.
Die Menschen lehnten sich vor, um keines seiner Worte zu verpassen.
„Die Hoffnichtse waren heimtückisch“, begann Cassidon. „Sie griffen uns an, aber wir wiederstanden ihnen. Sie nahmen uns unsere Pferde, aber wir zogen ohne sie weiter. Was uns beinahe scheitern ließ, war etwas viel Schlimmeres.“
„Was war das?“, fragte die Prinzessin.
„Sie ahmten die Melodie nach.“
„Sie ahmen sie nach?“ fragte der König.
„Ja, mein König. Sie ahmten sie nach. Jedes Mal, wenn Eure Flöte im Wald erklang, begannen Hunderte von Flöten zu spielen. Überall um uns herum hörten wir Musik – sie kam aus allen Richtungen. Ich weiß nicht was aus Carlisle und Alon wurde“, fuhr er fort, „aber ich weiß, dass Stärke und Schnelligkeit nicht dabei helfen, die richtige Melodie herauszufinden.“
Der König stellte die Frage, die alle auf den Lippen brannte. „Wie habt ihr dann meine Melodie erkannte?“
„Ich habe den richtigen Begleiter gewählt“, antwortete er und winkte seinen Begleiter zu, das er eintreten solle. Alle holten hörbar Luft. Die Tür öffnete sich und der Begleiter trat ein. Es war der Prinz – und in seiner Hand trug er die Flöte.
„Ich wusste, das es nur noch einen Menschen gibt, der die Melodie genauso spielt wie Ihr“, erklärte Cassidon. „und deshalb bat ich ihn, mich zu begleiten. Während wir reisten, spielte er. Ich lernte dadurch Eure Melodie so gut kennen, das ich Eure Flöte auch unter Tausenden von Falschen heraushören konnte. Ich kannte Eure Melodie, und dieser Melodie bin ich gefolgt.“
Denn was ich dir jetzt offenbare, wird nicht sofort eintreffen, sondern erst zur festgesetzten Zeit. Es wird sich ganz bestimmt erfüllen, darauf kannst du dich verlassen. Warte geduldig, selbst wenn es noch eine Weile dauert!
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Re: Die Melodie des großen Königs

Beitragvon Rammsteinchen » So 9. Jan 2011, 17:26

mega schöni gschicht...ischmer gad echli igfahre!
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Re: Die Melodie des großen Königs

Beitragvon Haimax » Do 13. Jan 2011, 12:03

Und wenn sie nicht gestorben sind so..........
Alle Menschen sind gleich.
Rassen, Nationalität und Religion spielen keine Rolle, wichtig ist der gelebte Respekt, die Tolleranz, das Recht auf Glück und das Recht sich zu verwirklichen.
Haimax
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