Psychiatrie und Freiheit

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Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 00:01

Ich beziehe mich auf diese Aussagen von Rouven

Das Bundesverfassungsgericht hat festgesetzt, dass ein Mensch ein Recht auf Freiheit zur Krankheit hat. Um Zwangmaßnahmen erwirken zu können, müssten gravierende Gründe vorliegen, die nachweisbar akute Gefahren für den Kranken selbst oder für andere Personen beinhalten. Eine Zwangsbehandlung hat immer unter stationären Bedingungen zu erfolgen und ist ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen. In akuten Situationen ist das nicht zu umgehen. Aber im Anschluss daran, ist jede weitere Maßnahme aufgehoben. Es kann keine weitere Zwangsmedikation erfolgen. Sollte der Patient jetzt hochgradig aggressive Tendenzen haben, gibt es da erweiterte Möglichkeiten der Behandlung. So wie du an anderer Stelle aber geschrieben hast, ist Andreas ein lieber Kerl und derzeit nicht mehr an Drogen gebunden. Der Gesetzgeber kann keinen Menschen, der nicht auffällig ist, dazu verdonnern, Medikamente zu nehmen oder sich einer Therapie zu unterziehen.


Hallo, Rouven, aus bekannten Gründen war ich heute zu müde, um in aller Ruhe die Konsequenzen dieser Vorgaben zu durchleuchten. Ich habe dagegen aber Einiges zu sagen.

Was soll man dann in die Wege leiten, wenn man einen Sohn hat mit einer Cannabis- ausgelösten Drogenpsychose.
Diese Vorgabe hat schon bewirkt, dass wir als Eltern mit einem Sohn im Stich gelassen wurden, der nur noch dahin vegitierte und sogar von uns vor noch größerer Selbstzerstörung bewahrt werden mußte.

Aber er findet sich völlig o.k. auch wenn nach kurzem Gespräch schon Realitätsfremdheit sichtbar wird.
Er findet sich so o.k., dass er jede Behandlung ablehnt, aber über Jahre hinweg nur vor sich hin vegitierte, könnte man vielleicht eine Regressionspsychose nennen. Eine art psychischer Zusammenbruch.

Und wer schützt die Eltern, die dann der Willkür ihres Sohnes schutzlos ausgesetzt sind ?
Wo ist da also Ausgewogenheit, Konsequenz und Gerechtigkeit ?

Mir als denkenden Menschen ist das ziemlich seltsam. Immerhin, als er endlich einen Betreuer bekam, entschuldigte sich ein Psychologe, der die Psychose feststellte, telefonisch für die unmöglichen Zustände, die wir jahrelang erdulden mußten. Aber verlorene Jahre sind schwerwiegend genug, um danach zu fragen, warum sich niemand kümmern will. Denn gerade am Anfang einer Psychose wäre ein Eingreifen besonders hilfreich und segensreich.

Ich rede öffentlich darüber und habe meine Gründe dafür. Bin im Moment auch wieder damit konfrontiert, dass Jahre, Jahrzehntelanges Schweigen bei sexuellem Mißbrauch so viel innere Schäden verursacht.

Etwas benennen ist die Chance, etwas zu ändern. Auch gesellschaftlich, auch bei dem leidigen Thema das ich hier anspreche.

lg, oTp
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon Fee » Do 10. Nov 2011, 09:39

onThePath hat geschrieben:Ich beziehe mich auf diese Aussagen von Rouven
Das Bundesverfassungsgericht hat festgesetzt, dass ein Mensch ein Recht auf Freiheit zur Krankheit hat.

Hallo, Rouven, aus bekannten Gründen war ich heute zu müde, um in aller Ruhe die Konsequenzen dieser Vorgaben zu durchleuchten. Ich habe dagegen aber Einiges zu sagen.


Sehr zutreffend Deine Ausführungen! Und die von Rouven. Leider.

Das Recht auf "Freiheit zur Krankheit" pervertiert in der Praxis, wenn man bedauernswerte Menschen hat, die aufgrund ihrer Krankheit ihr Leben selbst nicht mehr bestimmen können.
Es handelt sich ja um Menschen, die, könnten sie ihr Leben selbst angemessen bestimmen, diese Folgen gar nicht tragen wollen und auch nicht würden.

Wir haben einen Staat, der die Persönlichkeitsrechte so hoch ansiedelt, dass sie zum nachgewiesenen Schaden der Betroffenen selbst werden.
Traurig und ärgerlich ist dies insbesondere bei Leuten mit psychischer Krankheit (z.B. Schizophrenie, Borderline-Syndrom), Alkoholismus und Drogenabhängigkeit.
Die Hürden solche Leute in die entsprechenden Einrichtungen (gegen ihren "Willen") zu bekommen sind so hoch, dass sie in der Regel schon massiv geschädigt sind, oftmals schon lebensgefährlich beieinander sind, bevor etwas von Seiten der Richter gemacht werden kann. Die Richter selbst haben leider auch wenig rechtlichen Spielraum vernünftig zu entscheiden.

Für mich ist es einfach ein Unding, dass man von "Recht auf Krankheit" spricht, wenn diese Krankheit darin besteht, sich gar nicht mehr vernünftig entscheiden zu können und sich selbst auf eine Art kaputt macht, wie man ohne diese Krankheit nie tun würde.

Wahrscheinlich muss hier die Verfassung so geändert werden mit einem Zusatz, dass das Bundesverfassungsgericht auch entsprechend handeln kann und muss in seinen Urteilen.
So oder so jedoch ein sehr heißes Eisen. Weil man damit die Rechte von Menschen zur Selbstbestimmung damit stark beschränkt und ein möglicher Missbrauch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Zudem von staatlicher Seite noch ganz andere Ängste da sind: Millionen von Alkoholikern müssten dann theoretisch geschlossen untergebracht werden müssen (Überforderung der bestehenden Einrichtungen und des Staatshaushaltes). Wo zieht man also die Grenzen - für Juristen ausreichend klar formuliert?
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon Columba » Do 10. Nov 2011, 10:45

Rouven hat geschrieben:Das Bundesverfassungsgericht hat festgesetzt, dass ein Mensch ein Recht auf Freiheit zur Krankheit hat.


Ebenso besteht ein recht auf fürsorgerische Leistungen, wenn jemand wegen Krankheit nicht mehr zu sich schauen kann. Selbst ganz krasse Freiheitseinschränkungen wie der fürsorgerische Freiheitsentzug ist akzeptiert.

...oder lässt Du ein schwer suizidaler Mensch einfach von der Brücke springen, wenn Du ihm begegnest?


Grüsse Columba
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Do 10. Nov 2011, 11:18

...oder lässt Du ein schwer suizidaler Mensch einfach von der Brücke springen, wenn Du ihm begegnest?


Ich wäre zur Hilfe verpflichtet. Alles andere wäre nach § 323c StGB unterlassene Hilfeleistung und würde vom Gesetzgeber strafrechtlich verfolgt werden.

Gruß

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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon Columba » Do 10. Nov 2011, 11:22

also, was heisst das jetzt in Bezug aufs Thema?
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 11:36

Hallo, Fee

Ich werde Deinen Beitrag noch mal gründlich durchlesen, aber Du sprichst schon gut an, was ich seit 10 Jahren denke und erfahren habe:

Eine verantwortungslose Gesellschaft, die ganze Familien zugrunde gehen läßt, weil sie einfach verantwortungslos ist.
Man hat mir in all den Jahren noch nicht mal einen Sozialarbeiter vorbei geschickt. Null Handlungsradius und Null Verantwortungsgefühl.

Und wenn dann Rouven, der sich ansonsten gut auskennt, von einer Familienkrankheit spricht anstatt von einem öffentlich sozialen Desaster, dann verweist er schon wieder auf die Familie selbst.

Fakt st ja, dass einem jungen Menschen über Jahre nicht geholfen wird, der mit sich selber nicht zurecht kommt, sich total darin verweigert, Hilfe in Anspruch zu nehmen und unfähig ist, sich langsam mit Hilfe seiner Eltern aufzubauen. Statt dessen läuft nur ein "Familienzerstörungsprogramm" bei dem die ganze Familie äußerst beansprucht wird. Weil die Familie schutzlos dem destruktiven Jugendlichen ausgeliefert ist.

Danke, Fee,
Ich sehe schon, Du hast das Problem erfasst und wir können mit Rouven zusammen konstruktive Gespräche führen.

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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon Fee » Do 10. Nov 2011, 11:44

Columba hat geschrieben:
Rouven hat geschrieben:Das Bundesverfassungsgericht hat festgesetzt, dass ein Mensch ein Recht auf Freiheit zur Krankheit hat.


Ebenso besteht ein recht auf fürsorgerische Leistungen, wenn jemand wegen Krankheit nicht mehr zu sich schauen kann. Selbst ganz krasse Freiheitseinschränkungen wie der fürsorgerische Freiheitsentzug ist akzeptiert.

...oder lässt Du ein schwer suizidaler Mensch einfach von der Brücke springen, wenn Du ihm begegnest?


Das Problem ist in der Praxis darin, dass die Unterbringung von einem Amtsrichter per Gerichtsbescheid erfolgen muss und dieser dies nur veranlasst bei Vorlage von Kriterien, die extrem hoch angesiedelt sind. Da ist in der Regel schon (fast) alles zu spät.
Wenn jemand von der Brücke springen will, bist Du rechtlich verpflichtet, ihn daran zu hindern. Aufgrund dieses Vorkommnisses hast Du eine "unmittelbare erhebliche Gefährdung der Person", die dann für die nächsten Wochen eine Unterbringung rechtfertigt und ein Richter wird dies dann auch veranlassen.
Wenn jemand aber unter erheblichen Drogeneinfluss (Alkohol oder illegale Drogen) nur noch "vegetiert", wie Otp geschrieben hatte, dann ist dem aber nicht so. Es liegt keine "unmittelbare" Gefährdung vor für sein Leben bzw. für erhebliche dauerhafte Schädigungen seiner Gesundheit. Das heißt in der Praxis, dass derjenige immer weiter runterkommt, verwahrlost, die Abhängigkeit sich weiter verfestigt und zunimmt aber nichts passiert in Richtung einer geschlossenen Unterbringung.
Wenn er dann im Delirium ein Messer nimmt und sich selbst erhebliche Schnittverletzungen zufügt, dann ist wieder ein Tatbestand gegeben, der zur Unterbringung führt. Vorher nicht. Obwohl sich der "Weg nach unten" für die Person klar abgezeichnet hatte. Und dann setzt die Hilfestellung der geschlossenen Unterbringung erst ein, wenn es eben schon sehr, sehr spät ist.
Genauso trifft zu, was Rouven geschrieben hatte zu ambulanten Hilfen. Wenn ein Schizophrener seine Medikamente nicht nimmt und deswegen hoch "akut" ist und völlig gestört rumläuft, würde die zwangszweise Vorführung bei einem Neurologen ausreichend sein, der ihm eine Spritze gibt für die nächsten Wochen. Diese zwangsweise Vorführung zu einer ambulanten Behandlung ist aber rechtlich nicht vorgesehen. Möglich ist nur die zwangsweise Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie mit den genannten extrem hohen Hürden um sie durchsetzen zu können.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Do 10. Nov 2011, 11:46

(z.B. Schizophrenie, Borderline-Syndrom), Alkoholismus und Drogenabhängigkeit.


Hallo Fee,

eine Borderlinstörung ist so gut wie nicht heilbar. Borderliner verletzen sich oft selbst. Diese Verletzungen führen nicht zum Tod, müssen jedoch häufig medizinisch versorgt werden. Sperrt man diese Menschen jetzt für den Rest ihres Lebens ein, um sie vor den selbst zugefügten Verletzungen zu bewahren?

Wie geht man mit Magersüchtigen und Bulimiekranken um? Wegsperren und zwangsernähren?

Eine Suchterkrankung ist nach derzeitigen Erkenntnissen nicht heilbar. Wie will man das Problem lösen ?

Dieses Thema ist ganz sicher ein heißes Eisen. Wir kommunizieren hier ja über kranke und sehr leidende Menschen.

Liebe Grüße

Rouven
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 11:48

Wahrscheinlich muss hier die Verfassung so geändert werden mit einem Zusatz, dass das Bundesverfassungsgericht auch entsprechend handeln kann und muss in seinen Urteilen.
So oder so jedoch ein sehr heißes Eisen. Weil man damit die Rechte von Menschen zur Selbstbestimmung damit stark beschränkt und ein möglicher Missbrauch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Zudem von staatlicher Seite noch ganz andere Ängste da sind: Millionen von Alkoholikern müssten dann theoretisch geschlossen untergebracht werden müssen (Überforderung der bestehenden Einrichtungen und des Staatshaushaltes). Wo zieht man also die Grenzen - für Juristen ausreichend klar formuliert?
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Dann kannst Du Dir sicher denken, dass ich schon lange so Einigen in den verlängerten Rücken treten würde ( mit den richtigen Worten hört sich das besser an).
Im Stich lassen, Zerstörung kann man nicht auf sich beruhen lassen.

Als ich einmal der Polizei sagte, wie diese Zustände sind ( sie war angerückt für eine untaugliche Maßnahme gegen meinen Sohn), sagte der Polizist, ich müsse mich dann aber ganz hinten anstellen. Denn es herrscht ganz schön Frust auch bei den Polizisten, denen bestimmte Gesetze und Abläufe auch reichlich Schwierigkeiten machen.

Ein Tritt in den verlängerten Rücken ist praktisch die letzte mögliche Notmaßnahme gegen völlig rücksichtslose und verantwortungslose Bürokraten und "streng nach Anweisung" Handelnde. Von Eltern, die von ihnen zur totalen Ohnmacht gezwungen werden. Denn Reden hilft ja nicht. Man verweigert sich ja völlig und versteckt seine Menschliche Vernunft hinter zerstörerischen Gesetzes-Vorlagen.



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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon Columba » Do 10. Nov 2011, 11:52

rouven hat geschrieben:
(z.B. Schizophrenie, Borderline-Syndrom), Alkoholismus und Drogenabhängigkeit.
Hallo Fee,

eine Borderlinstörung ist so gut wie nicht heilbar.


Diese Urteil ist veraltet. Heute gibt es Therapien, die nachgewiesernermassen positive Resultate bringen.



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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 11:55

Rouven, jeder Fall ist anders. Aber gerade was meinen Sohn angeht, würde ich es in seinem Fall wie Fee sehen.

Wenn es um Drogensucht geht, ist das Problem wieder anders gelagert.

Und Boarderlein ist auch sehr problematisch, klar.

Ich denke mal, es geht dem Staat darum. möglichst viel Kosten zu sparen und Schäden an Menschenleben und Verwüstungen von Familien dafür in Kauf zu nehmen.

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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 12:00

Columba hat geschrieben:
rouven hat geschrieben:
(z.B. Schizophrenie, Borderline-Syndrom), Alkoholismus und Drogenabhängigkeit.
Hallo Fee,

eine Borderlinstörung ist so gut wie nicht heilbar.


Diese Urteil ist veraltet. Heute gibt es Therapien, die nachgewiesernermassen positive Resultate bringen.



Grüsse Columba

Meine ich auch mitbekommen zu haben. So ist es auch mit der Behandlung von Magersüchtigen.

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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon Fee » Do 10. Nov 2011, 12:04

onThePath hat geschrieben:Eine verantwortungslose Gesellschaft, die ganze Familien zugrunde gehen läßt, weil sie einfach verantwortungslos ist.
Man hat mir in all den Jahren noch nicht mal einen Sozialarbeiter vorbei geschickt. Null Handlungsraus und Null Verantwortungsgefühl.


Die Angehörigen von Betroffenen unterliegen einem enormen Druck. Die Eltern eines Drogenabhängigen beispielsweise sind erst einmal alleine gelassen. Man kann sich nicht einfach anderen anvertrauen, da die Problematik sozial "geächtet" ist. Man wird schief angeschaut, wenn in der eigenen Familie jemand Drogen nimmt und unterschwellig wird den Eltern vermittelt, mit Schuld zu haben (kann sein, ist es aber meist nicht).
Die Eltern sind gezwungen, obwohl sie ihr Kind lieben, es in keinster Weise mehr unterstützen zu dürfen, weil jede Hilfestellung für einen Abhängigen, die Krankheit verstärkt. Eltern müssen also hart sein und ihrem Kind einerseits signalisieren es zu lieben, andererseits aber auch zu sagen, ihm nicht zu helfen, solange er weitermacht mit seiner Sucht. Das ist sehr schwer und da gibt es keine "Patentrezepte".
Vor allem muss man mit den Ängsten umgehen können, bewusst nicht zu helfen, trotz aller Risiken, die dies hat. Viele Hilfestellungen verfestigen aber das Leid des Abhängigen. Es ist besser er stürzt schnell in den Dreck, als dass er sich über die Monate und Jahre an den ganzen Dreck erst gewöhnt in seinem Bemühen die Sucht aufrechtzuerhalten.
Hilfen gibt es m.E. durch "Angehörigen-Gruppen". Also Selbsthilfegruppen für Angehörige von Alkoholkranken, oder von Suchtkranken, oder von Eßgestörten (Bulemie) usw. Die Sozialpsychiatrischen Dienste vor Ort und die Gesundheitsämter können einen die entsprechenden Kontaktadressen geben. Ein Austausch von betroffenen Angehörigen hilft diesen schon erheblich weiter.

Angehörigen sind damit weitgehend "privaten Initiativen" überlassen. Staatliche Hilfen sind aber im Bereich der Hilfe für Angehörige äußerst dürftig.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 12:15

Mein Sozialpsychiatrischer Dienst hat mich vor Jahren nur kalt abgewiesen und gesagt, er könne absolut gar nichts tun.
Derselbe Dienst kam nun mit einem Psychiater und wies meinen Sohn im Beisein des Betreuers erst mal wegen des Gefährdungsparagrafen ein. Er wäre schon wieder draussen, wenn nicht der Betreuer zusätzliche Befugnisse hätte.

Also inzwischen sind wir einen Schritt weiter.
Eigentlich wollte ich die Betroffenen einmal schocken mit einer solchen Aussage:
Irgendwann werden zugrunde gerichtete Eltern durchdrehen und dann wird leider in einer Verzweiflungstat der Falsche in einem Amt oder einer ärztlichen Einrichtung umgebracht werden.

Ich drehe nicht durch, lasse mich auch von roher Vergeltung nicht leiten, aber ich bin gegen Ungerechtigkeit jeder Art, und verstrickt in diese gesellschaftlichen Sauereien als Betroffener. Ich denke darüber nach, wie man diese untragbaren Verhältnisse in der Gesellschaft ändern könnte.

Und muß mit Geschick bewirken, dass unserem Sohn doch noch geholfen werden kann, zur Not auch gegen seinen Willen.

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Zuletzt geändert von onThePath am Do 10. Nov 2011, 12:18, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon jes_25913 » Do 10. Nov 2011, 12:17

Hallo OTP,

wie äußert sich denn die "Psychose" Deines Sohnes?

LG,
jes
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon Fee » Do 10. Nov 2011, 12:24

rouven hat geschrieben:
(z.B. Schizophrenie, Borderline-Syndrom), Alkoholismus und Drogenabhängigkeit.

eine Borderlinstörung ist so gut wie nicht heilbar. Borderliner verletzen sich oft selbst. Diese Verletzungen führen nicht zum Tod, müssen jedoch häufig medizinisch versorgt werden. Sperrt man diese Menschen jetzt für den Rest ihres Lebens ein, um sie vor den selbst zugefügten Verletzungen zu bewahren?

Es gibt geistige Krankheiten die behält man für immer, das ist richtig. Was man aber lernen kann, ist mit dieser Behinderung umzugehen. Das ist schwer und erfordert viel Geduld (und leider auch Rückfälle). Ich kenne viele Schizophrene, die dies gelernt haben und die heute einer geregelten Arbeit nachgehen und denen man es in keinster Weise anmerkt. Das größte Problem ist es für die geistig Kranken, sich selbst einzugestehen es zu sein. Wenn diese sehr große Hürde genommen ist, stellen sich bei gezielter Förderung durch Fachleute (Pychologen, Sozialarbeiter, etc.) Erfolge ein.

Geschlossene Unterbringungen sind im Einzelfall eine vorläufige und befristet gute Hilfe (z.B. 6-12 Wochen).


Wie geht man mit Magersüchtigen und Bulimiekranken um? Wegsperren und zwangsernähren?

Hilft nur kurzfristig um das Leben zu retten. Und das wird auch gemacht.
Wesentlicher ist der freiwillige - auf Einsicht beruhende - Aufenthalt in einer Fachklinik für viele Wochen um den Betroffenen das notwendige Knowhow mit auf den Weg zu geben für das Leben "draußen", wo es diese Schonräume nicht mehr gibt.

Eine Suchterkrankung ist nach derzeitigen Erkenntnissen nicht heilbar. Wie will man das Problem lösen ?

Ein Alkoholiker bleibt lebenslang ein Alkoholiker. Und trotzdem ist es toll, wenn man aus einem "nassen Alkoholiker" ein "trockenen Alkoholiker" wird.
Der Suchtkranke muss lernen, dass er einen totalen lebenslangen "Mengenkontrollverlust" hat und deswegen dem Suchtstoff gänzlich ausweichen muss. Für immer.


Dieses Thema ist ganz sicher ein heißes Eisen. Wir kommunizieren hier ja über kranke und sehr leidende Menschen.

Das ist richtig.
Wichtig ist, diesen gegenüber nicht mit Vorwürfen und Schuld zu kommen, sondern mit Zuwendung, Einfühlung und konsequentem Verhalten. Und das ist oft sehr schwer.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 12:32

jes_25913 hat geschrieben:Hallo OTP,

wie äußert sich denn die "Psychose" Deines Sohnes?

LG,
jes


Mit einem Sammelwort könnte ich es zunächst einmal so nennen:
Stumpfes Dahinvegitieren,
Neigung zu Cannabis und Alkohol,
Unfähigkeit zu jeder kleinen Verbesserung seines Verhaltens.

Mit einem Wort: Ein halber Gardenser, auch wie er völlig verwarlost innerlich, aber ohne Besesessenheitssymptome. :) :mrgreen: Im Vordergrund steht eben eine drogenausgelöste Psychose durch Cannabis. Und mein Augenmerk liegt auch auf der Psychose. Den Gardenser wählte ich nur als Vergleich des Verhaltens. Eben sehr destruktiv und vernunftslos. Und seine Höhle ist das Zimmer in unserem Haus.

Er sammelte in einer Holzschublade so um die 200 gerauchte Zigarettenkippen mit dazugehöriger Asche,
räumt sein Zimmer nie aus: Speisereste, Flaschen, usw, überall.
Kann nicht mit Geld umgehen. Hat sich in den letzten Wochen angewöhnt, sein Geld zu verspielen am Spielautomat (darauf wartend, dass es sich vermehrt). Ganz zuletzt verplemperte er sein Geld, indem er für 130€ am Monatsanfang Vitamine, Spurenelemente und Aufbaumittel kaufte. Damit gings in den Mörser und er zerstampfte ales zu einem "Vitamincoctail". Ihm fällt also immer wieder was Neues Destruktives ein.

Er ist nachtaktiv und wandert bisweilen kilometerweit planlos herum.

Unfähigkeit, auch nur minimal sein destruktives Leben zu verändern.

Er reagiert immerhin auf Druck. Nach einigen Jahren, als er mich um 50€ erpressen wollte, machte ich daraus eine Anzeige und er bekam 2 Jahre auf Bewährung (obwohl das Gericht natürlich falsch handelte, obwohl ich darauf hinwies, dass man sich lieber um die Psychosen-Problematik kümmern sollte.

Seit etwa 2 Jahren hat er einen Betreuer. Diese beiden Umstände haben bei ihm bewirkt, dass er sich immerhin nun mit Gewalt zurückhält und auch dabei unter Kontrolle hat. Und ich kann unnütze Konfrontationen vermeiden und so das Klima verbessern. Ist was, dann wende ich mich an den Betreuer.

Es ist in der art einer Regression. Mit Hang zu völlig gedankenlosem chaotischen Verhalten mit tendenz zur Selbstzerstörung.

Erst unter Medikamenten hat er vor einem Jahr die Grundschule beendet.
Er hat aber grundsätzlich das Potential zum Abitur. Nun, dann hat er keine Medikamente genommen und seit Januar ist sein Zustand wieder der Alte schlechte.
Und selbst der Betreuer hat erst jetzt etwas unternehmen können.

lg, oTp
Zuletzt geändert von onThePath am Do 10. Nov 2011, 12:45, insgesamt 5-mal geändert.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 12:35

Es gibt geistige Krankheiten die behält man für immer, das ist richtig. Was man aber lernen kann, ist mit dieser Behinderung umzugehen. Das ist schwer und erfordert viel Geduld (und leider auch Rückfälle). Ich kenne viele Schizophrene, die dies gelernt haben und die heute einer geregelten Arbeit nachgehen und denen man es in keinster Weise anmerkt. Das größte Problem ist es für die geistig Kranken, sich selbst einzugestehen es zu sein. Wenn diese sehr große Hürde genommen ist, stellen sich bei gezielter Förderung durch Fachleute (Pychologen, Sozialarbeiter, etc.) Erfolge ein.

Geschlossene Unterbringungen sind im Einzelfall eine vorläufige und befristet gute Hilfe (z.B. 6-12 Wochen).


Fee, das sind genau meine Vorgaben. Jetzt ist er seit drei Wochen in der Psychiartrie- erst mal viel zu kurz.
Und da er inzwischen zwei Betreuer hat, tut sich was. Aber er muß erst lernen, Hilfe anzunehmen oder ihr Folge zu leisten.

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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon jes_25913 » Do 10. Nov 2011, 12:43

onThePath hat geschrieben:
jes_25913 hat geschrieben:Hallo OTP,

wie äußert sich denn die "Psychose" Deines Sohnes?

LG,
jes


Mit einem Sammelwort könnte ich es zunächst einmal so nennen:
Stumpfes Dahinvegitieren,
Neigung zu Cannabis und Alkohol,
Unfähigkeit zu jeder kleinen Verbesserung seines Verhaltens.

Mit einem Wort: Ein halber Gardenser, auch wie er völlig verwarlost innerlich, aber ohne Besesessenheitssymptome. :) :mrgreen: Im Vordergrund steht eben eine drogenausgelöste Psychose durch Cannabis....


Ja, ich würde sagen, das sieht sehr stark nach einer Depression aus. Nichts macht für ihn Sinn - deshalb kann er sich auch zu nichts aufraffen. Cannabis und Alkohol sind anscheinend das wenige, was ihm sein Dasein erträglich macht.

Was ich aber noch nicht ganz begreife; hat der Genuss von Canabis einen Schnitt in seinem bisherigen Verhalten herbeigeführt, oder ist diese Verwahrlosung allmählich eingetreten? Oder ist er irgendwann mal stark ausgerastet?
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Do 10. Nov 2011, 12:52

jes_25913 hat geschrieben:
onThePath hat geschrieben:
jes_25913 hat geschrieben:Hallo OTP,

wie äußert sich denn die "Psychose" Deines Sohnes?

LG,
jes


Mit einem Sammelwort könnte ich es zunächst einmal so nennen:
Stumpfes Dahinvegitieren,
Neigung zu Cannabis und Alkohol,
Unfähigkeit zu jeder kleinen Verbesserung seines Verhaltens.

Mit einem Wort: Ein halber Gardenser, auch wie er völlig verwarlost innerlich, aber ohne Besesessenheitssymptome. :) :mrgreen: Im Vordergrund steht eben eine drogenausgelöste Psychose durch Cannabis....


Ja, ich würde sagen, das sieht sehr stark nach einer Depression aus. Nichts macht für ihn Sinn - deshalb kann er sich auch zu nichts aufraffen. Cannabis und Alkohol sind anscheinend das wenige, was ihm sein Dasein erträglich macht.

Was ich aber noch nicht ganz begreife; hat der Genuss von Canabis einen Schnitt in seinem bisherigen Verhalten herbeigeführt, oder ist diese Verwahrlosung allmählich eingetreten? Oder ist er irgendwann mal stark ausgerastet?


So sind meine Überlegungen auch.

Kurz nachdem er im Alter von 14 Jahren bekundete, er werde nie mit Cannabis anfangen, tat er es doch und verwilderte innerhalb kürzester Zeit. Damals stahl er uns einige Hundert DM bis wir das merkten. Sofort war er nicht mehr fähig, die Schule weiter zu machen. Er hätte sonst Abitur schaffen können. Damals bemerkte ich auch recht bald alamierende Realitätsverluste: Die Welt wird nicht mehr richtig wahrgenommen psychisch.

Ja, es hat Merkmale von Depression. Diagnostiziert wurde vor etwa zwei Jahren so etwas wie eine regressions-Psychose. ( Komme jetzt nicht auf den Fachnamen). Aber Diagnosen sind auch nicht immer völlig zutreffend.

Der zweite Schock für uns Eltern war natürlich damals die totale Hilfsverweigerung der Gesellschaft, als erstes die des Jugendamtes. Ich schlage für diese Menschen vor als Selbsttherapie den Satz zu benutzen:
Scheren sie sich zum Teufel, hier wird nicht geholfen. Sind wir eine Stelle, die sich um Hilfe kümmern muß ? :mrgreen: ( schwarzer Humor) Aber es drückt die totale Primitivität aus, die in Deutschland herrscht in diesen Dingen.

Ich merkte bald, dass ich zwei dicke Probleme hatte: Der Zustand meines Sohnes und der desolate Zustand des sozialen Hilfesystems.

Übrigens muß ich immer noch einige Türen in unserem Haus wie in einer Psychiatrie oder in einem Gefängnis verschließen: Geld, Alkohol, Computerzubehör: Sonst wäre ich für viele Dingen ein Selbstbedienugsladen. Aber darin hat er sich anscheinend etwas gebessert.

lg, oTp
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Gott ist so fremd wie Dein unbekannter Vater, klar daß er trotzdem existiert. Weißt Du, was Du versäumst, wenn Du Ihn nie kennenlernst ? Ein herrliches Erbe : Leben an der Quelle der Liebe.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Fr 11. Nov 2011, 01:38

Traumatisierung in der Psychiatrie
(Überarbeitete Fassung des Vortrags "Ordnungsmacht Psychiatrie", den Marc Rufer am 10. September 2005 an der Tagung des BPE in Kassel hielt.)1

Das Tabu

Die Psychiatriekritik ist seit längerer Zeit immer leiser geworden, ja nahezu verstummt. Es ist der Psychiatrie in den letzten Jahren gelungen, mit ihren wissenschaftlichen "Erfolgen" die Medien zu besetzen und damit ihr "image", das in den 1970er und 1980er Jahren doch schwer beschädigt war, ganz wesentlich zu verbessern. Heute ist die Rede vor allem von den biologischen Ursachen der psychischen Störungen und deren Behandlung mit Psychopharmaka. Die Balance der Neurotransmitter sei es, die die psychische Befindlichkeit des "gesunden, wie auch des "kranken" Menschen bestimmt. Durch ihre fortwährende Wiederholung wurden derartige Aussagen gleichsam zu gesellschaftlichen "Wahrheiten". Verschwiegen wird dabei, dass es sich dabei um schlecht belegte Hypothesen handelt.2 Obschon diese "Wahrheiten" auf tönernen Füssen stehen, haben sie eine deutliche Wirkung: Sie lenken von den nach wie vor verheerenden Praktiken des psychiatrischen Alltags ab. Nach wie vor sind und bleiben Zwang und Gewalt das bestimmende Element der heutigen Psychiatrie. Es ist noch kein Jahr vergangen, seitdem im Deutschen Ärzteblatt von einem drastischen Anstieg der Zwangseinweisungen berichtet wurde. (Müller, 2004, A-2794) Dabei gab es in Deutschland bereits 2000 ca. 140 000 Zwangsunterbringungen (175 pro 100 000 Einwohner.) (Dressing, 2004, 89) Besonders oft trifft es jüngere Männer, ältere Frauen, ferner arbeitslose und bereits mehrfach hospitalisierte Menschen; überrepräsentiert ist auch die Diagnose Schizophrenie. (Bruns, 1997, 62)

Nach wie vor gelten Psychiaterinnen als Respektspersonen. Es herrscht Unsicherheit und Angst, schließlich ist potentiell jede und jeder in Gefahr, irgendwann als psychisch "krank" diagnostiziert zu werden. Die Psychiater gelten als die Experten, die den "Wahnsinn", beziehungsweise die "Geisteskrankheiten" sogar dann, wenn sie noch nicht ausgebrochen sind, diagnostizieren können.

Ein Tabu verhindert den ungetrübten Blick auf die Psychiatrie: "Wo man nicht weiter zu fragen wagt oder nicht einmal auf den Gedanken kommt, hat man es mit einem Tabu zu tun." (Mitscherlich 1977, 111) Das Tabu reguliert die Einstellung zu einem Sachverhalt, wie das eine sehr mächtige Autorität, die keinen Widerspruch duldet, zu halten pflegt und führt damit zu einer Denkhemmung. Damit wird Erkenntnis verhindert. Der Gehorchende bleibt in der Position eines Kindes, das nicht fragen darf.

So bewegt sich psychiatrisches Handeln seit jeher in einem gesellschaftlichen Schonraum. Gleichzeitig erklärt sich die Selbstsicherheit der Psychiater: Wer sie kritisiert, gerät schnell ins gesellschaftliche Abseits.
Das gilt für die Psychiatriekritik ganz allgemein. Doch die Macht des Tabus, die Wirkung des "du sollst und darfst es nicht aussprechen, nicht benennen, nicht anprangern", ist an einer ganz bestimmten Stelle noch wesentlich größer, praktisch unüberwindlich: Es handelt sich um die Benennung der Schädigungen, die durch psychiatrische Zwangsmassnahmen ausgelöst werden können. Es fällt den Psychiaterinnen leicht, auf Grund einer willkürlichen Zusammenstellung von Symptomlisten fragwürdige und wissenschaftlich nicht gesicherte "Krankheiten" wie die "Schizophrenie" zu diagnostizieren. (Rufer, 2004, 112ff) Sie tun sich jedoch sehr schwer damit zuzugeben, dass ihre eigenen Handlungen für die Betroffenen hochgradig schädlich sein können. Vielmehr ziehen sie es vor, diese Schädigungen als Symptome der "Krankheit" zu bezeichnen, die ihrer Ansicht nach Grund für die Unterbringung war.

Als ich von einer Studie zum Thema Aggression und Zwang in der Psychiatrie hörte, schöpfte ich Hoffnung. Doch Ernüchterung, als ich zu lesen begann: "Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Pflegerin oder ein Pfleger der Akutpsychiatrie im Laufe der Berufskarriere von einem Patienten tätlich angegriffen wird, liegt bei über 70 Prozent."(Heusser, 2005,15) Also noch immer wird dieses üble Bild vermittelt: Es sind die Patientinnen, die die Pfleger und Schwestern angreifen. Zwang und Gewalt dann von Seiten der Pfleger und Ärzte Isolierung, Fixierung, Medikation ohne Einwilligung , wird, wenn überhaupt davon die Rede ist, als Antwort der Institution auf aggressives Verhalten der Insassen verstanden, als eine die krankhafte Aggression begrenzende Behandlungsmaßnahme.

Dabei ist die Aggressivität der Betroffenen in der Psychiatrie praktisch immer eine provozierte, eine durch die Situation bewirkte Aggressivität. Sie ist keineswegs einfach als Symptom zu betrachten, als krankhafte Besonderheit, die nun einmal zu diesen Menschen gehört. Einfühlung wäre nötig: Wenn jemand sich gegen die Einweisung an einen Ort, den er fürchtet, sich gegen Einsperrung und Isolation, gegen die Einschränkung elementarster Menschenrechte, gegen die zwangsweise Trennung von den Menschen, die er liebt oder gegen die Einnahme von Medikamenten wehrt, kann das doch nicht als Krankheitssymptom bezeichnet werden. Es handelt sich hier mit größter Wahrscheinlichkeit um eine einfühlbare, gesunde und selbstverständliche Reaktion eines Menschen, der seine Freiheit braucht und liebt.

Die Psychiatrie - kein medizinisches Spezialfach wie die andern
Die Psychiatrie hat eindeutig und offensichtlich eine Doppelfunktion. Nicht nur soll sie psychisch leidenden Menschen helfen und sie möglichst heilen (was ihr übrigens auch im besten Fall kaum gelingt), sondern sie hat auch eine Ordnungsfunktion, bisweilen auch soziale Kontrolle genannt. Am deutlichsten zeigt sich dies darin, dass Psychiaterinnen befugt sind, Zwang und Gewalt anzuwenden. Es handelt sich dabei um Gewalt, die im staatlichen Auftrag ausgeübt wird; sie rückt die Psychiatrie in die Nähe der Polizei, deren Wirken sie ergänzt. Wo staatlich sanktionierte Eingriffe notwendig erscheinen, ohne dass Delikte begangen wurden, tritt die Ordnungsmacht Psychiatrie in Aktion: "Psychisch Kranke sind in rechtsstaatlichen Demokratien die einzigen Menschen, denen die Freiheit entzogen werden darf, ohne dass sie eine Straftat begangen haben." (Finzen 1993, 13)

Die Ordnungsfunktion der Psychiatrie wird kaum wahrgenommen, kann die Anwendung von Gewalt doch leicht als Hilfe und bestmögliche Behandlung ausgegeben und damit verschleiert werden. Die Verbindung mit der Medizin veredelt diese Eingriffe. Sanktionen werden so zu Maßnahmen der Hilfe und Menschlichkeit, was sie fälschlicherweise legitimiert. Kritik wird dadurch massiv erschwert, ja praktisch verunmöglicht. Allenfalls können gewalttätige Exzesse kritisiert werden, nicht aber die Tatsache, dass die Psychiatrie als Ganzes diese Aufgabe willig und klaglos übernommen hat. Dabei ist es doch ein riesengroßer Unterschied, ob eine Behandlung durchgeführt wird, um dem betreffenden Menschen bestmöglich zu helfen, oder ob es schlicht und einfach darum geht, die gefährdete Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.

Was wird denn eigentlich sanktioniert?

Was ist sie denn die schlimme Tat der Betroffenen, der Grund, wieso gegen sie oft richtiggehend erbarmungslos vorgegangen wird? Es geht um die Verweigerung dieser Menschen gegenüber der Zuverlässigkeit, Regelmäßigkeit, Planbarkeit, Verfügbarkeit, wie sie heute im durchstrukturierten Arbeitsprozess gefordert und vorausgesetzt wird. (Bruns, 1993, 18) Doch nicht nur dort: Auch außerhalb der Arbeit, im privaten Bereich, sind diese Eigenschaften in unserer durchgeplanten Gesellschaft unverzichtbar und selbstverständlich geworden. Wer sie nicht aufweist, wird bald einmal ausgegrenzt, sein Platz in der Gemeinschaft der Angepassten ist hochgradig gefährdet.
Und -das darf an dieser Stelle nicht vergessen werden - in der psychiatrischen Klinik sind Behandlungen, insbesondere Zwangsbehandlungen, in vielen Fällen ganz klar und auf kaum durchschaubare Weise mit Motiven der Disziplinierung und Strafe für ungebührliches Verhalten verwoben.

Das Gefährlichkeitskriterium

In vielen Ländern, u.a. auch in Deutschland, ist die Gefährlichkeit - Selbst- oder Fremdgefährlichkeit - der Betroffenen eine wichtige, gesetzlich festgehaltene Voraussetzung für eine Zwangsunterbringung. Es wird vom Gefährlichkeitskriterium gesprochen.
Doch das Gefährlichkeitskriterium wird in der Praxis nicht überall gleich umgesetzt. Was ist denn Gefährlichkeit? Da kann bereits das Werfen einer Bananenschale, eine rein verbale Drohung ohne Tätlichkeit, die erhobene Hand, die möglicherweise schlagen oder etwas werfen könnte, hinreichender Grund für eine Zwangsunterbringung sein. Miteingeschlossen in den vagen Begriff der Gefährlichkeit wird oft sogar die Gefährdung von eigenem oder fremdem, materiellem Besitz.
Meiner Erfahrung nach wird der Befund Fremd- oder Selbstgefährlichkeit vom Arzt oft ohne zu zögern und ohne längere Abklärungen geradezu leichtfertig auf Einweisungszeugnisse geschrieben. Und dieser Befund ist keine klare und eindeutige Feststellung, vielmehr eine Vermutung, eine höchst unsichere Vorhersage. Nach amerikanischen Untersuchungen liegt die Zuverlässigkeit der klinischen Vorhersage (dazu gehört die Gefahrenvermutung allemal) nicht über derjenigen der Zufallswahrscheinlichkeit. (Bruns, 1993, 40)

Die tatbestandslose Unterstellung einer Gefahr und die darauffolgende Unterbringung kann aus juristischer Sicht bei nachsichtiger Interpretation nur als eine gesetzlich fragwürdige präventive Maßnahme, bei strenger Interpretation als Freiheitsberaubung betrachtet werden. (Bruns, 1993, 42) Im Grunde müsste von präventiver Zwangsunterbringung, psychiatrischer Präventionshaft, beziehungsweise Vorbeugehaft für psychisch Kranke gesprochen werden. Ganz klar werden Zwangsunterbringungen nicht selten durchgeführt, um eine von der Betroffenen abgelehnte Behandlung zu erzwingen.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Fr 11. Nov 2011, 01:53

Traumatisierung in der psychiatrischen Klinik

BIOLOGISCH AUSGELÖSTE, PSYCHISCHE FOLGEN DER HOCHDOSIERTEN INJEKTION EINES NEUROLEPTIKUMS:

Es können delirante Syndrome, bzw. toxische Delire auftreten: Verwirrung, Desorientierung, Halluzinationen also auf Grund der Medikamentenwirkung. Genau die Symptome, die die PsychiaterInnen um jeden Preis wegbehandeln wollen, provozieren sie demnach nicht selten, rein biologisch ausgelöst, mit ihren Psychopharmaka. Weitere psychische Wirkung der Neuroleptika: Dämpfung, Schlaf, Schläfrigkeit, Beeinträchtigung des intellektuellen Leistungsvermögens, des Gedächtnisses, der Kreativität, der Gefühlswahrnehmung, Depressivität, Resignation, suizidale Tendenzen, Störungen des sexuellen Erlebens.
Nicht vergessen werden darf, dass auch tödliche Komplikationen zu den Wirkungen dieser Medikamente gehören.
DIE TRAUMATISCHE REAKTION IN DER KLINIK

Für eine Zwangsbehandlung wird wenn nötig das sogenannte "Aufgebot" herbeigerufen: Bis zu acht, zu körperlicher Gewalt bereite Pfleger, stehen einem Betroffenen gegenüber.3 Doch auch Zwangsunterbringungen, nicht selten von gewaltbereiten Polizisten durchgeführt, sind oft ein dramatisches Geschehen. So sind denn diese Konfrontationen durchaus vergleichbar mit einer Vergewaltigung oder Folter.

Im Milieu der psychiatrischen Klinik erhalten Traumatisierungen eine besonders ungünstige Prägung: Zu beachten ist, dass die Betroffenen bereits im Vorfeld der Einweisung in schwerwiegende Konflikte mit ihren Angehörigen, Arbeitgeber oder Lehrer usw. verwickelt sind, auf Grund derer sie sich in einer Krisensituation befinden. Andererseits werden sie sogleich den Wirkungen der Neuroleptika ausgesetzt. Ihre Fähigkeit, die Folgen der Traumatisierung bewusst zu verarbeiten, ist damit ganz wesentlich beeinträchtigt dazu bräuchte es vor allem ein möglichst klares Bewusstsein und intakte Gefühle. Die zu Beginn auftretende Verwirrung kann durch die Wirkung der Neuroleptika massiv verstärkt werden.

Mit der unfreiwilligen Unterbringung, insbesondere wenn es sich um den ersten Kontakt mit der Psychiatrie handelt, ist die Betroffene meistens unvorbereitet dem Schock ihrer ersten Diagnose ausgesetzt. Psychiatrische Diagnosen, insbesondere die Diagnose "Schizophrenie", von der jede und jeder in unserer Gesellschaft eine Vorstellung haben, verändern auf einen Schlag das Selbstverständnis eines Menschen. Fast unmöglich, sich dieser Wirkung zu entziehen. Dies vor allem auch, weil sämtliche Bezugspersonen, sowohl in der Klinik wie die Angehörigen der Betroffenen außerhalb, von der Diagnose hören und sie als Expertenmeinung akzeptieren. Zudem werden Betroffene nach der Zwangsbehandlung isoliert. Isolation, bzw. der damit verbundene Wegfall der gewohnten Sinnesreize (sensorische Deprivation), führt zum Auftreten von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen (ABZ), zu deren Erscheinungsbild unter anderem Wahrnehmungsverzerrungen, Halluzinationen, Veränderungen der Emotionalität und auch Hypersuggestibilität gehören. Die Betroffenen können leicht beeinflusst werden. Wer zwangsbehandet wurde, dem kann die Diagnose und das mit ihr verbundene Wissen besonders leicht als neue Identität übergestülpt werden. Und zur Diagnose, zur neuen "kranke" Identität, gehört fast zwingend zunehmend "krankhaftes" Verhalten. Die Einverleibung des Fremdbildes, das der Täter vom Opfer hat bedeutet in der psychiatrischen Situation die Übernahme der Krankenrolle. Nur indem die Betroffene die Krankenrolle den Vorstellungen der Psychiaterinnen entsprechend zu spielen vermag mit anderen Worten krankheitseinsichtig ist , vermag sie in gewissem Ausmaß Zuwendung und Anerkennung von denjenigen, denen sie ausgeliefert ist, zu erlangen. So erschaffen den Zwangsbehandlungen gleichsam bis heute den "echten Geisteskranken", genauso wie früher Vergewaltigungen Frauen zu Huren machten: "Dieser Mensch muss "echt schizophren" sein, "echt gefährlich"; die vollzogene Zwangsbehandlung beweist es." So lautet die unausgesprochene Argumentation der Menschen, die in psychiatrischen Kliniken und ihrem Umfeld beruflich tätig sind. Zwangbehandlungen stigmatisieren, brennen den Betroffenen das Kainsmal auf die Stirne.

Die geschilderten Verschmelzungswünsche, die Sehnsucht nach Liebe, schaffen eine existenzielle Bindung an und Abhängigkeit der Betroffenen von der Psychiatrie und den dort tätigen Menschen. Äußerst schwierig, sich diesem Sog zu entziehen.
Zu alldem kommt die mit der Traumatisierung verbundene gesteigerte Tendenz, Selbstmord zu begehen, hinzu, die wiederum von der entsprechenden Wirkung der Neuroleptika potenziert wird.

Nicht nur geht es Betroffenen, die Zwangmaßnahmen erlebten sehr schlecht, ihr Zustand kann zudem von den Psychiaterinnen mit Leichtigkeit als
schwer "krank", "psychotisch" oder "schizophren" bezeichnet werden.
[b]

Genau die Symptome also, die die Psychiaterinnen zu behandeln vorgeben - Verwirrungen, Halluzinationen, die Neigung, Selbstmord zu begehen sowie die Hilflosigkeit der Betroffenen -können durch ihre Eingriffe potenziert, verfestigt, ja sogar neu erschaffen werden. Mit ihren Behandlungen rechtfertigen sie im Grunde ihre eigene Existenz. [/b]Die Abspaltung des traumatischen Komplexes verhindert auf lange Zeit hinaus die bewusste Auseinandersetzung mit den Ereignissen, die in der Klinik stattgefunden haben, was den Betroffenen daran hindert, sein Leben wieder autonom organisieren und bewältigen zu können.

Wer je mit traumatisierten Menschen Kontakt hatte, weiß, wie wichtig es ist, ihnen sorgfältig, einfühlend und zurückhaltend zu begegnen. Schon nur den Ort der Traumatisierung wiederzusehen, bedeutet für sie oft eine riesengroße Belastung. Besonders schlimm für sie ist das Wiederleben des Traumas, die Retraumatisierung.
Genauso wie das Rehospitalisationsrisiko für zwangsuntergebrachte Betroffene besonders groß ist, ist auch die Wahrscheinlichkeit groß, dass Zwangsbehandlungen im Laufe früherer Hospitalisationen Zwangsbehandlungen während weiterer Unterbringungen nach sich ziehen. Erklärt wird dadurch, wieso sich der Zustand vieler Psychiatriepatientinnen im Laufe sich folgender Hospitalisationen fortwährend verschlechtert.

Zwangsmassnahmen sind also auch eine wesentliche Ursache der langfristigen Veränderungen, die von den Psychiaterinnen als Chronifizierung bezeichnet werden.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Fr 11. Nov 2011, 02:00

Hallo otp,

ich hoffe du hast Verständnis dafür, dass ich dir jeweils nur zeitverzögert antworten kann. Ich habe im Moment sehr viel am Start, was meinen Zeitplan absolut durcheinander wirbelt und beschränkt.

Du hast von Zwang geschrieben. Sofern Zwangsmaßnahmen vorliegen, ist nicht mit einer Therapie und Behandlungswilligkeit zu rechnen. Sollte aber die vorübergehende Unterbringung in eine psychiatrische Einrichtung als notwendig erkannt und auf freiwilliger Basis akzeptiert werden, ist das meist die halbe Miete auf dem Weg zum Erfolg. In Kliniken läuft ohnehin meist nur ein Diagnose- und kurzfristiges Wiederherstellungsprogramm ab. Menschen werden dort nicht geheilt. Alle weiteren und sinnvollen Behandlungsmaßnahmen werden über ambulante Therapien gesteuert.
So wie du schreibst, war ein Richter involviert. Also gehe ich davon aus, dass es eine Unterbringung nach Psych Kg gegeben hat. Das heißt, Zwangseinweisung in eine geschlossene Einrichtung. Das ist eine notfallmäßige Härtemaßnahme, die vorübergehend läuft. Du strebst weiterhin eine Zwangsbehandlung an. Was stellst du dir genau darunter vor?

Das Bundesverfassungsgericht hat festgesetzt, dass ein Mensch ein Recht auf Freiheit zur Krankheit hat. Um Zwangmaßnahmen erwirken zu können, müssten gravierende Gründe vorliegen, die nachweisbar akute Gefahren für den Kranken selbst oder für andere Personen beinhalten. Eine Zwangsbehandlung hat immer unter stationären Bedingungen zu erfolgen und ist ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen. In akuten Situationen ist das nicht zu umgehen. Aber im Anschluss daran, ist jede weitere Maßnahme aufgehoben. Es kann keine weitere Zwangsmedikation erfolgen. Sollte der Patient jetzt hochgradig aggressive Tendenzen haben, gibt es da erweiterte Möglichkeiten der Behandlung. So wie du an anderer Stelle aber geschrieben hast, ist Andreas ein lieber Kerl und derzeit nicht mehr an Drogen gebunden. Der Gesetzgeber kann keinen Menschen, der nicht auffällig ist, dazu verdonnern, Medikamente zu nehmen oder sich einer Therapie zu unterziehen.

An vordringlichster Stelle sollte der Betreuer schnellstmöglich darauf einwirken, dass Andreas im Anschluss an den Klinikaufenthalt anderweitig untergebracht wird. Es ist ja bereits eine total überlastete Familiensituation eingetreten. Zudem ist er ein erwachsener Mann und sollte nicht mehr bei den Eltern leben. Das würde auch für eine Entspannung der aufgeschaukelten Gefühle sorgen.

Ich wünsche dir alles Gute und auch dem Andreas. Für ihn wird es natürlich sehr schwer werden, da er als bezeichneter Problemverursacher alleine dasteht. Du hast geschrieben, dass er das Problem sei. Keine günstige Voraussetzung für eine Heilung innerhalb des Familiensystems. Der geballte Druck lastet ausschließlich auf dem Symptomträger. Das ist zwar eine gängige Vorgehensweise, aber die führt leider nicht in die Auflösung und Klärung einer systemischen Familienerkrankung. Bei Sucht und psychischen Entgleisungen handelt es sich immer um Familienerkrankungen.

Nochmals alles Liebe und Gute für die weiter Entwicklung sowie Gottes Segen und auch Führung in eine heilsame Richtung.

Gruß

Rouven


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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Fr 11. Nov 2011, 02:26

Fakt ist auch, dass dadurch eine familiäre Schicksalsgemeinschaft entstanden ist. Es geht dabei ja nicht nur um den Sohn, sondern auch um die gesamte Familie. Es hat sich dadurch auch ein vollkommen verändertes Rollenverhalten eingestellt. In meinen Augen würde es Sinn machen, den Blick mal auf eine systemische Familientherapie zu richten. Alle brauchen Heilung. Durch die Angst, den Stress, die Enttäuschung und die großen Aufregungen ist ja eine ganze Menge an negativen Empfindungen entstanden. Die müssen ja irgendwohin. Vor allem müssten die eingefahrenen Positionen wieder verändert werden. Das ist eine schwierige Sache und meist geht das nicht ohne qualifizierte Hilfe.

Familientherapeuten sind darauf geschult und zudem ganz anders unterwegs als Psychiater. Mit denen hast du ja schlechte Erfahrungen gemacht. Aber diese beiden Berufe lassen sich nicht miteinander vergleichen. Natürlich muss die Bereitschaft des Sohnes dazu vorhanden sein, so auch deine und die deiner Frau. Die Maßnahme setzt das Bedürfnis voraus, etwas von Grund auf verändern zu wollen. Das braucht auch Kraft, sich ganz offen der Situation zu stellen und den Schmerz und die Traurigkeit zuzulassen, aber das ist auch heilsam. Du nennst deine Frau stark, was sie auch sicherlich sein wird. Du wirkst auch nicht wie ein schlaffes Würstchen. Aber egal wie wacker man sich schlägt, es gibt auch noch eine andere Seite, die beachtet werden möchte.

Ich wünsche dir und deiner Familie jedenfalls alles Gute und auch weiterhin starke Nerven.

Liebe Grüße

Rouven



Hallo Otp,

in meinen Augen ist eine Familientherapie die konstruktivste Möglichkeit, einen Ausweg aus dem Leiden zu finden.

Du hast bezüglich der Diagnose von Regression gesprochen. Eine Regression hat nichts mit einer Psychose zu tun. Sie ist ein Abwermechanismus, der immer dann auftritt, wenn überlastende Situationen erscheinen, die nicht mehr bewältigt werden können. Es ist ein Schutzmechanismus der Psyche und beinhaltet die Rückentwicklung in die Kleinkinderphase. Kleine Kinder müssen nicht verantwortlich sein.

Ein Amotivationssyndrom kann sich aus einem übermäßigen Cannabiskonsum entwickeln und lässt sich auch wieder rückgängig machen.

Ich wünsche euch alles Gute und verabschiede mich aus diesem Thread mit dem Gedicht einer jungen Patientin an die Mutter.


Ich brauche eine Hand, die mich umgibt und die es fühlt, wenn meine Seele leidet.
Die mich im tiefsten Schmerze wortlos liebt, und so sich von den anderen unterscheidet.



Gottes Segen.

Rouven
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Fr 11. Nov 2011, 04:57

Halo, Rouven,
Ich hatte in zehn Jahren einige Zeit, über die Situation nachzudenken.
Und der Hauptfaktor zur Veränderung nach so unglaublich langer verschenken Zeit ist wohl, dass mein Sohn aufgebaut wird.

Dein Reden von Familienerkrankung kommt mir zu pauschal vor. Jeder reagiert in gleichen Verhältnissen anders.
Was einen normalerweise weiten Spielraum an nicht krankhaften Strukturen in einer Familie bedingt. Man kann nur sagen, dass ungünstige Faktoren gibt. Und nur in einem Teil der Familien gibt es in Form von Gewalt und andrem extremen Verhalten wirklich Strukturen, die das hochgradige Potential für psychische Erkrankungen haben.

Und ich wüßte nicht, dass unser Verhalten überdurchschnittlich schädigend für meinen Sohn gewesen sein soll.
Und die Vorstellung noch wesentlich hilfreicher für ihn sein zu können, erscheint mir ebenfalls etwas nebulös.
Wirklich kranke und krankmachende Strukturen kann man nicht in jeder Familie voraussetzen, wenn Jemand krank wird.


Der weg soll aber auch von der Familie weg zur Eigenverantwortung führen, und von einem unverantwortlichem "Kuckuck-Dasein" bei den Eltern zu einer Öffnung für Eigenständigkeit. Deshalb gilt es in die Richtung weg von der Familie in Richtung Eigenständigkeit zu schauen.

Bei psychischen Erkrankungen sollte man sich tunlichst nicht auf Schemata fixieren wie Familienkrankheit und schädigende Klinikaufenthalte und schädigende Medikation.

Es gibt ja schizophrene Erkrankungen, wo der Erkrankte erst mittels dauernder Medikamente zu einer gewissen Normalität und "Alltagstauglichkeit" findet. Beispiele kenne ich.

Weiterführend beim Zusammenleben sind bei negativen Strukturen des Zusammenlebens natürlich hilfreiche Verhaltensregeln der Eltern, die in Kliniken den Eltern beigebracht werden können. Das gehört zu den Dingen, was man besser machen könnte, um einen psychisch kranken zu fördern.

Einige Schizophrenien sind mit Psychotherapien kaum in den Griff zu bekommen. Anders als psychische Erkrankungen durch Traumatisierungen und neurotische Störungen. Da kann eine Familie nur ein angenehmes "Familienklima" erzeugen und Krankmachendes vermeiden lernen.

Ich weiß, dass psychiatrische Praxis verachtenswert sein kann, ich weiß, dass man Andere im Zusammenleben auf verschiedene Art krank machen kann, und dass ein Kranker sich auch kranke Eltern anerziehen kann, die nur noch nach seinem Willen handeln. Das könnte man dann mit dem Namen "Familienerkrankung" belegen. Hier muß man forschen, was man an bewußtem und unbewußtem Miteinander verbessern sollte.

Doch diese zwei aspekte sind nicht das ganze traurige und miese Abbild der Realität.
Du hast z.B. kaum davon geredet, dass ein psychisch Kranker es notwendig machen kann, die Freiheit und Gesundheit der Eltern zu beschützen. Die Freiheit meines Sohnes ist ja fahrlassig und exessiv uns von Verantwortlichen über 10 Jahre zwangsweise aufgedrückt worden. Zu seinem und unserem Schaden. Da sollte es wirklich mal anders, besser zugehen.
Denn diese Situation der Freiheit war alles Andere als gut für unseren Sohn. Wieder ist das Reden von Freiheit einseitig und Zerstörerisch. Genauso zerstörerisch ist deshalb in keiner Weise Zwang anzuwenden. Selbst Demokratie würde so nicht funktionieren. Demokratie geht nur, wenn Freiheit einen Rahmen hat, wo die Freiheit Anderer nicht geschädigt wird.

Es gibt Vieles zu bedenken. Aber wenn noch nicht mal die Psychiater den Mechaismus kennen, durch den Jemand psychotisch wird, und das "Normalisieren" der Psyche eigentlich auch schlecht hinkriegen, ja da kann man viel spekulieren. Und viele angebliche Hauptpunkte benennen, die einem zum Handeln konditionieren. Dennauch in der Psychotherapie gibt es eine weite Breite von Ansätzen, sodass Jeder Therapeut sehr verschiedene Methoden anwenden kann. Er wendet einfach die an, die ihm am besten liegt, die er am besten kennt, und die dann durch Erfahrung verbessert wird. Da wird man aber wenig gutes Gegenseitiges Verständnis haben bei solcher "Bandbreite", und keiner ist berechtigt zu sagen: Ihr müsst nach meiner Methode handeln, die ist die richtigste.

lg, oTp
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon jes_25913 » Fr 11. Nov 2011, 09:20

onThePath hat geschrieben:
jes_25913 hat geschrieben:
onThePath hat geschrieben:
Mit einem Sammelwort könnte ich es zunächst einmal so nennen:
Stumpfes Dahinvegitieren,
Neigung zu Cannabis und Alkohol,
Unfähigkeit zu jeder kleinen Verbesserung seines Verhaltens.

Mit einem Wort: Ein halber Gardenser, auch wie er völlig verwarlost innerlich, aber ohne Besesessenheitssymptome. :) :mrgreen: Im Vordergrund steht eben eine drogenausgelöste Psychose durch Cannabis....


Ja, ich würde sagen, das sieht sehr stark nach einer Depression aus. Nichts macht für ihn Sinn - deshalb kann er sich auch zu nichts aufraffen. Cannabis und Alkohol sind anscheinend das wenige, was ihm sein Dasein erträglich macht.

Was ich aber noch nicht ganz begreife; hat der Genuss von Canabis einen Schnitt in seinem bisherigen Verhalten herbeigeführt, oder ist diese Verwahrlosung allmählich eingetreten? Oder ist er irgendwann mal stark ausgerastet?


So sind meine Überlegungen auch.

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Lieber OTP,

seid Ihr (Deine Frau und Du) denn auch täglich bewusst dankbar, dass Gott Euch gerade diesen Sohn in die Familie gegeben hat? - Er ist ja nicht zufällig bei Euch. Ihr könnt an ihm in der Liebe und im Heil wachsen, und er könnte durch Euch das Heil Gottes sehen. Hüllt ihn - ohne Vorwürfe zu machen, ohne einen persönlichen Wunsch nach Änderung seines Verhaltens - in Liebe ein. Zeigt ihm, dass ihr ihn so akzeptiert, wie er ist, ohne Wenn und Aber...

Übrigens muß ich immer noch einige Türen in unserem Haus wie in einer Psychiatrie oder in einem Gefängnis verschließen: Geld, Alkohol, Computerzubehör: Sonst wäre ich für viele Dingen ein Selbstbedienugsladen. Aber darin hat er sich anscheinend etwas gebessert.

lg, oTp

Manche Türen könnt Ihr ja verschlossen halten. Aber wie wäre es, wenn er sein Zimmer nicht säubert, dass Ihr es - ohne Vorwurf - tut?
Weshalb willst Du Deinen Sohn in die Hände weltlicher Macht geben, die das Heil nicht kennt. Ist Jesus nicht das Heil?
Einiges ist "schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Leichtfertigen verdrehen, wie auch die andern Schriften, zu ihrer eigenen Verdammnis." (2Petr 3,16)
"Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er"(Röm 12,7)
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon jes_25913 » Fr 11. Nov 2011, 09:25

rouven hat geschrieben: Heute ist die Rede vor allem von den biologischen Ursachen der psychischen Störungen und deren Behandlung mit Psychopharmaka.


Ein weiterer Sieg materialistischen Denkens! Es gibt keine biologischen Ursachen psychischer Störungen und deshalb auch keine Behandlung mit Psychopharmaka. Ein ganz gefährlicher Irrweg, der da eingeschlagen wurde.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Fr 11. Nov 2011, 10:11

Und ich wüßte nicht, dass unser Verhalten überdurchschnittlich schädigend für meinen Sohn gewesen sein soll.


Hallo otp,

sofern ich mich so unklar ausgedrückt haben sollte, dass dadurch der Eindruck entstehen konnte, es ginge in einer Familientherapie um die Klärung der Schuldfrage, kann ich dir versichern, dass das nicht so ist. Es geht dabei nicht um Schuld. Das ist keine Gerichtsverhandlung. Es geht dabei um konstruktive Hilfe, für alle, die Betroffen sind.

Liebe Grüße

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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Fr 11. Nov 2011, 10:36

und deshalb auch keine Behandlung mit Psychopharmaka.



Hallo Jes,

ich bin kein Freund der Pharmakotherapie. In zwingenden Fällen halte ich den Einsatz von Medizin jedoch durchaus für gerechtfertigt und auch angebracht. Du hast kaum eine andere Chance im Akutfall einen schizophrenen Schub, ein Delirium oder eine ernsthafte Suizidalgefahr auszubremsen.

Gruß

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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Fr 11. Nov 2011, 10:58

in die Hände weltlicher Macht geben,


Hier noch kurz eine kleine Einlage, in wessen Hand diese Macht zwischendurch liegen kann. :mrgreen:


Gert Postel (* 18. Juni 1958 in Bremen) ist ein deutscher Hochstapler, der vor allem durch seine mehrfachen Anstellungen als falscher Arzt Bekanntheit erlangte.

Gert Postel besuchte die Hauptschule d schloss eine Ausbildung zum Postboten ab. Gert Postel gibt an, dass seine Mutter an einer Fehlbehandlung wegen Depression starb und auch er selbst für kurze Zeit in der Jugendpsychiatrie gewesen sei. Daraus sei später die Absicht entstanden, die Psychiatrie als „heiße Luft“ zu enttarnen und bloßzustellen.

Obwohl er niemals ein Medizinstudium absolviert hatte, bewarb sich Postel unter dem Namen Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy im September 1982 um die Stelle des stellvertretenden Amtsarztes in Flensburg und wurde eingestellt. Auf die Frage, worüber er promoviert hätte, antwortete Postel „Über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann und die kognitiv induzierten Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung“.

Durch einen Zufall — er verlor eine Geldbörse mit zwei Ausweisen, die auf unterschiedliche Namen ausgestellt waren — wurde im April 1983 seine wahre Identität festgestellt und Postel aus dem Dienst entfernt. 1984 erhielt er wegen mehrfacher Urkundenfälschung, missbräuchlichen Führens akademischer Titel sowie der Fälschung von Gesundheitszeugnissen eine Bewährungsstrafe. Weitere Anstellungen als Arzt folgten, u. a. in der Privatklinik von Julius Hackethal und als Stabsarzt bei der Bundeswehr.

Nach einem kurzzeitigen Studium der Theologie gelang Postel im November 1995 erneut eine Rückkehr in den medizinischen Dienst. Unter seinem eigenen Namen trat er als Dr. Postel die Stelle eines Leitenden Oberarztes im Fachkrankenhaus für Psychiatrie Zschadraß bei Leipzig an. Postel verfertigte psychiatrische Gutachten und hielt Vorträge vor Medizinern, ohne dabei Verdacht zu erregen. Am 10. Juli 1997 wurde er zufällig von einer Mitarbeiterin erkannt und tauchte unter. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits der Termin für ein Vorstellungsgespräch beim Sächsischen Staatsminister für Soziales, Gesundheit und Familie, Hans Geisler, anlässlich Postels Berufung auf eine C3-Professur und Ernennung zum Chefarzt und Klinikdirektor im Sächsischen Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Arnsdorf fest.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon Columba » Fr 11. Nov 2011, 11:16

jes_25913 hat geschrieben:Es gibt keine biologischen Ursachen psychischer Störungen und deshalb auch keine Behandlung mit Psychopharmaka. Ein ganz gefährlicher Irrweg, der da eingeschlagen wurde.


...noch gefährlicher sind solche verallgemeinernde, unqualifizierte Beurteilungen!

Obwohl z.B. bipolare Störungen nicht im eigentlichen Sinne vererbbar sind, hat man bei bipolaren Erkrankungen vieler Kranken Chromosomveränderungen feststellen können. Das heisst zwar nicht, dass alle Störungen darauf zurückzuführen sind, aber zumindest ist die Verleugnung biologischer Ursachen höchst fragwürdig.


Grüsse Columba
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon jes_25913 » Fr 11. Nov 2011, 12:20

Columba hat geschrieben:
jes_25913 hat geschrieben:Es gibt keine biologischen Ursachen psychischer Störungen und deshalb auch keine Behandlung mit Psychopharmaka. Ein ganz gefährlicher Irrweg, der da eingeschlagen wurde.


...noch gefährlicher sind solche verallgemeinernde, unqualifizierte Beurteilungen!

Obwohl z.B. bipolare Störungen nicht im eigentlichen Sinne vererbbar sind, hat man bei bipolaren Erkrankungen vieler Kranken Chromosomveränderungen feststellen können. Das heisst zwar nicht, dass alle Störungen darauf zurückzuführen sind, aber zumindest ist die Verleugnung biologischer Ursachen höchst fragwürdig.


Grüsse Columba


Nicht fragwürdig, sondern eine Chromosomenveränderung zeigt eben wie tiefgreifend seelische Fehleinstellungen wirken.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon jes_25913 » Fr 11. Nov 2011, 12:23

rouven hat geschrieben:
und deshalb auch keine Behandlung mit Psychopharmaka.



Hallo Jes,

ich bin kein Freund der Pharmakotherapie. In zwingenden Fällen halte ich den Einsatz von Medizin jedoch durchaus für gerechtfertigt und auch angebracht. Du hast kaum eine andere Chance im Akutfall einen schizophrenen Schub, ein Delirium oder eine ernsthafte Suizidalgefahr auszubremsen.

Gruß

Rouven

Ja, für eine kurzfristigen Stopp oder eine Erleichterung können sie schon mal verwendet werden. Wie eben auch mal mit Alkohol kurzfristig ein Problem erträglicher wird. Aber Heilmittel sind Psychopharmaka nicht.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon jes_25913 » Fr 11. Nov 2011, 12:28

rouven hat geschrieben:
in die Hände weltlicher Macht geben,


Hier noch kurz eine kleine Einlage, in wessen Hand diese Macht zwischendurch liegen kann. :mrgreen:


Gert Postel (* 18. Juni 1958 in Bremen) ist ein deutscher Hochstapler, der vor allem durch seine mehrfachen Anstellungen als falscher Arzt Bekanntheit erlangte.

Gert Postel besuchte die Hauptschule d schloss eine Ausbildung zum Postboten ab. Gert Postel gibt an, dass seine Mutter an einer Fehlbehandlung wegen Depression starb und auch er selbst für kurze Zeit in der Jugendpsychiatrie gewesen sei. Daraus sei später die Absicht entstanden, die Psychiatrie als „heiße Luft“ zu enttarnen und bloßzustellen.

Obwohl er niemals ein Medizinstudium absolviert hatte, bewarb sich Postel unter dem Namen Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy im September 1982 um die Stelle des stellvertretenden Amtsarztes in Flensburg und wurde eingestellt. Auf die Frage, worüber er promoviert hätte, antwortete Postel „Über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann und die kognitiv induzierten Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung“.

Durch einen Zufall — er verlor eine Geldbörse mit zwei Ausweisen, die auf unterschiedliche Namen ausgestellt waren — wurde im April 1983 seine wahre Identität festgestellt und Postel aus dem Dienst entfernt. 1984 erhielt er wegen mehrfacher Urkundenfälschung, missbräuchlichen Führens akademischer Titel sowie der Fälschung von Gesundheitszeugnissen eine Bewährungsstrafe. Weitere Anstellungen als Arzt folgten, u. a. in der Privatklinik von Julius Hackethal und als Stabsarzt bei der Bundeswehr.

Nach einem kurzzeitigen Studium der Theologie gelang Postel im November 1995 erneut eine Rückkehr in den medizinischen Dienst. Unter seinem eigenen Namen trat er als Dr. Postel die Stelle eines Leitenden Oberarztes im Fachkrankenhaus für Psychiatrie Zschadraß bei Leipzig an. Postel verfertigte psychiatrische Gutachten und hielt Vorträge vor Medizinern, ohne dabei Verdacht zu erregen. Am 10. Juli 1997 wurde er zufällig von einer Mitarbeiterin erkannt und tauchte unter. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits der Termin für ein Vorstellungsgespräch beim Sächsischen Staatsminister für Soziales, Gesundheit und Familie, Hans Geisler, anlässlich Postels Berufung auf eine C3-Professur und Ernennung zum Chefarzt und Klinikdirektor im Sächsischen Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Arnsdorf fest.


Ja, da gibt`s auch eine Menge Videos. Hier mal eines (.u.a. zur Zwangseinweisung).
Zuletzt geändert von jes_25913 am Fr 11. Nov 2011, 12:34, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Fr 11. Nov 2011, 12:33

Manche Türen könnt Ihr ja verschlossen halten. Aber wie wäre es, wenn er sein Zimmer nicht säubert, dass Ihr es - ohne Vorwurf - tut?


:mrgreen: Täten wir es nicht regelmäßig, wäre kein freies Plätzchen auf dem Teppich.

Weshalb willst Du Deinen Sohn in die Hände weltlicher Macht geben, die das Heil nicht kennt. Ist Jesus nicht das Heil?

Wenn Du diese Frage einem Nichtchristen fragen würdest, hätte sie Berechtigung.

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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » Fr 11. Nov 2011, 12:48

rouven hat geschrieben:
Und ich wüßte nicht, dass unser Verhalten überdurchschnittlich schädigend für meinen Sohn gewesen sein soll.


Hallo otp,

sofern ich mich so unklar ausgedrückt haben sollte, dass dadurch der Eindruck entstehen konnte, es ginge in einer Familientherapie um die Klärung der Schuldfrage, kann ich dir versichern, dass das nicht so ist. Es geht dabei nicht um Schuld. Das ist keine Gerichtsverhandlung. Es geht dabei um konstruktive Hilfe, für alle, die Betroffen sind.

Liebe Grüße

Rouven


Familienerkrankung ist ist wirklich nur ein angebrachter Begriff als Bezeichnung, wenn die Familie sich mit schwerwiegendem Fehlverhalten sich gegenseitig krank macht. Das ist bei Schizophrenen im Nachhinein leider auch so, dass sie den Rest der Familie belasten und krank machen.

Ein nachdenklicher Mensch fragt sich eh, was er falsch gemacht haben könnte.
Und wenn das oberflächlich ist, fragt man dann eher nach der Schuld des Anderen. Dann geraten Eheleute wegen gegenseitiger Schuldzuweisung aneinander.

lg, oTp
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Sa 12. Nov 2011, 15:05

Ein nachdenklicher Mensch fragt sich eh, was er falsch gemacht haben könnte.


Hallo otp,

die Frage, was man falsch gemacht haben könnte, würde in keine gute Richtung gehen. Das Thema Fehler oder falsches Verhalten führt immer zur Schuld und zu einem Schuldigen. Man kann sicher sein, dass man im Laufe einer Kindererziehung so einiges falsch gemacht hat, dafür aber auch jede Menge richtig.

All deine Versuche im Umgang mit Andreas zielen darauf ab, einen Ausweg aus der Situation zu finden, mit der du dich vollkommen alleine gelassen fühlst. Das ist das Kreuz, das Familien zu tragen haben, da es in der Gesellschaft immer noch nicht genügend Bewusstsein dafür gibt, wie schwer die familiären Konfliktsituationen sind, die durch Suchtkranke erzeugt werden. Mittlerweile tut sich auf organisatorischer Ebene etwas und es entstehen Unterstützungsprojekte für Kinder suchtkranker Eltern. Das ist ein magerer Anfang. Für erwachsene Angehörige gibt es lediglich Selbsthilfegruppen, die aber in ihrem Wert dennoch nicht zu unterschätzen sind. An qualifizierter Betreuungskapazität mangelte es jedoch an allen Ecken und Enden. Auch das Mitwirken amtlicher Stellen ist in keiner Weise organisiert. Das erweist sich für Familien meist als fatal, da sie in allen Belangen als Alleinverantwortliche dastehen und besonders durch den Aspekt der Ausweglosigkeit in die Verzweiflung getrieben werden. Irgendwann ist das Ende der Belastbarkeit erreicht.

Aus dieser Überbelastung heraus entwickelt sich ja auch viel Wut. Da staut sich einiges auf. Aber das, was so wütend macht, ist nicht tatsächlich der kranke Sohn, sondern die Ausweglosigkeit. So wird das meist aber nicht gesehen. Man empfindet sich als Opfer der Umstände, da man sie nicht ändern kann. Wenn es aber Opfer gibt, dann auch einen Täter. Jemand trägt Schuld an den belastenden Lebensverhältnissen. Und derjenige wird identifiziert und trägt auch einen Namen.

Ganz anders wäre die Situation, wüsste man, was getan werden könnte, um Abhilfe zu schaffen. Dann wäre die Konzentration auf Lösungen ausgerichtet. So jedoch ist sie auf den Verursacher gerichtet. Das führt zu einem Abhängigkeitsverhältnis. Man wird abhängig von der Befindlichkeit und Verhaltensstruktur des Süchtigen. Wenn er keine Drogen mehr konsumieren würde, arbeiten ginge, sich selber versorgen könnte, verantwortlich sein Leben gestalten würde, erst dann könnte der Rest der Familie wieder ein eigenes Leben haben und frei gestalten. Also steht und fällt die eigene Befindlichkeit mit dem Verhalten des Suchtkranken. Man gerät in ein Abhängigkeitsverhältnis.

Der Andreas kann jedoch schon nicht die Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen und muss nun zusätzlich noch die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Eltern tragen. Wäre er nicht in der Suchtsituation, würde es den Eltern ja gut gehen. Das weiß der Andreas. Das erlebt er ja auch. Aufregung, Stress, Streitereien, Vorwürfe, Kontrolle und ewige Aufforderungen, das Leben mal endlich in den Griff zu kriegen, machen es ja deutlich. Er kann die unterschwellig wahrgenommene Verantwortung für das Wohlergehen der Eltern aber nicht tragen. Dazu ist er nicht in der Lage. Also werden Wände aufgezogen. So auch von der Familie. Sie ist ebenfalls nicht in der Lage, den Süchtigen und die aus der Sucht entstandenen Belastungen ewig aushalten zu können. Daran zerbrechen sogar Familien. Also werden auch hier Schutzwände aufgezogen. Allerdings trennen die Schutzwände auch. Der Verursacher steht auf der einen, der schuldigen Seite, und die, die sich vor ihm schützen müssen, auf der anderen, der Seite der Opfer. Das verhindert natürlich die Wahrnehmung dessen, ein gemeinsames Problem zu haben. Das Problem wird dem Verursacher angelastet. Zuvorderst natürlich der Droge. Hätte er nicht gekifft, wäre es nie zu der unhaltbaren Situation gekommen. Doch ab hier tritt ein Denkfehler ein.
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon rouven » Sa 12. Nov 2011, 15:34

Die Droge ist nicht der Verursacher, sondern hat lediglich das zugrunde liegende Problem transparent gemacht und bei weiterem Konsum natürlich auch potenziert. Wenn man das Problem klar erfassen will, dann muss man tiefer gehen. Aus welchen Gründen eine Droge auch immer in der ersten Begegnung konsumiert wurde, das spielt keine Rolle. Ausschlaggebend hierbei ist es, wie die Psyche mit der Droge interagiert. Süchtige steuern über die Droge ihr Gefühlsleben. Die Droge ist der einzig vorhandene Anpassungsprozessor an akute Belastungssituationen, da in der Persönlichkeitsstruktur einer süchtigen Person Ich-Funktionsdefizite vorhanden sind. Die Ich-Struktur ist unterentwickelt geblieben. Es existiert keine ausreichend stabile Selbst- und Fremdwahrnehmung, was auch den entspannten Umgang mit der Außenwelt sehr schwierig macht.

Zudem ist die Aggressionstoleranz extrem vermindert, was auch in Konfliktsituation zu einem immensen inneren Druckanstieg führt. Die Droge wird hier als Puffer eingebaut. Grundsätzlich wird der Umgang mit den eigenen Gefühlen als schwierig und belastend empfunden. Diese Störung in der Ich-Struktur wird über die Droge ausbalanciert. Dass der Mensch leidet, versteht sich von selbst. Er leidet mit der Droge, aber er leidet noch mehr ohne Droge. Ein drogensüchtiger Mensch ist ein kranker Mensch, da ihm wesentliche Stabilisatoren fehlen, die er bräuchte, um mit dem Leben fertig zu werden.

Zu denken, er müsse nur die Droge aus dem Kappes lassen, erfasst das schwerwiegende Belastungsgeschehen in keiner Weise. Bei dieser Erkrankung geht es um tatsächliches Leiden und nicht um Launen oder Nullbockallüren. Besonders dann, wenn es offensichtlich ist, dass der Süchtige sein Leben ohne Hilfe schon nicht mehr bewältigen kann. Bei vielen Konsumenten ist das ja durchaus noch möglich. Sie organisieren sich anders und bestreiten ihren Lebensunterhalt und den Drogenkonsum über das Dealen oder anderweitige, kriminelle Aktivitäten. Das birgt zwar ebenfalls Gefahren, aber immerhin haben diese Leute noch genügend Biss, sich zu organisieren. Bei sehr sensiblen Menschen sieht das schon anders aus.

Wenn man jetzt den Anspruch hat, über Druck den Betroffenen an eine Entwicklung zu verpflichten, zackig in die Pötte zu kommen, eine Ausbildung anzustreben und so weiter, dann ist das verfrüht, selbst wenn der Mensch schon dreißig Jahre alt sein sollte. Mit der rauen Alltagswelt wird er gar nicht fertig werden können, da noch keine ausreichenden Ressourcen, auf die er im Ernstfall zurückgreifen müsste, vorhanden wären. Bei zu früh gestellten Ansprüchen ,verbunden mit negativen Erfahrungen, könnte es ganz schnell wieder einen Einbruch in alte Verhaltensmuster geben. Er muss erst einmal lernen, das, was durch die Droge ersetzt werden musste, diese gefestigt Ich-Struktur, durch bestimmte Maßnahmen zu erlangen. So lange er noch in der Psychiatrie ist, könnte man das entsprechend mit ihm und den Ärzten besprechen. Ihm sollte verdeutlicht werden, dass es positive Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Anregen und locken, nicht zwingen. Er sollte da langsam herangeführt werden, damit er aus einem eigenen Interesse heraus offen für Maßnahmen wird. Er muss erst einmal wieder lernen, Vertrauen zu sich zu gewinnen. In kleinen Schritten Selbstwertgefühle aufbauen. Ich-Grenzen müssen erfahren und stabilisiert werden. Das ist nur über geschulte Leute möglich. Kliniken haben Tageseinrichtungen, die das anbieten.

Dazu müsste man den Andreas konstruktiv motivieren, einen Sinn in der Behandlung zu sehen. Nicht mit dem Holzhammer auf ihn eindreschen und Krankheitsbegriffe wie Psychotiker in den Raum werfen, sondern das Problem als Entwicklungskonflikt sehen und auf Lösungen hin ausrichten. Je schwieriger etwas dargestellt wird, desto unwilliger wird man es angehen. Je weniger Dramatik etwas besitzt, desto leichter stellt man sich der Situation.

Allmählich eine Zuversicht aufbauen und diese auch ausstrahlen. Du schaffst das Junge, wir schaffen das und wir halten zusammen. Vermitteln, das man ihn liebt und an ihn glaubt. Vor allem die Zeit nutzen, die er jetzt in der Klinik ist, um zu kooperieren und alle Möglichkeiten erfragen, die für ihn im Anschluss an den Aufenthalt realisiert werden können. Wenn für euch als Eltern nicht bald ein Ende der belasteten Situation in Sicht ist, bleibt das Drama bestehen und damit ist keinem geholfen. Den Ärzten sollte man das ruhig sagen. Auch, wie hilflos und alleingelassen man sich in der Situation fühlt. Man ist kein Drogenexperte und auch kein Psychiater. Dass der Umgang mit einem Süchtigen vollkommen überfordert, leuchtet wohl ein.

Ich muss hier abrupt enden, da ich immer noch auf Abruf stehe und jetzt dringend in die Stadt muss.

Dir ein schönes Wochenende und alles Liebe und Gute.

Gruß

Rouven
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon onThePath » So 13. Nov 2011, 00:03

Puh, Rouven

Da kann ich mich nicht heute durchackern :)

Wahrscheinlich ist mir davon nichts fremd, was Du sagst.

Im Moment nur ein kurzes Feedback


Das einzige was wir in 10 Jahren erreicht haben ist anscheinend, dass er nicht ganz in Cannabis oder Alkoholsucht abgerutscht ist. Da würde ich nur von einer Tendenz zur Sucht reden.

das Problem als Entwicklungskonflikt sehen und auf Lösungen hin ausrichten.


Minimale Schritte aus seinem Chaos und seinen destruktiven Tendenzen heraus werden auch nur mühsam möglich sein. Das wird ähnlich sein wie bei einer starken Depression. Da macht die Psyche nicht mit und alle Veränderung wird schwer. Positives veränderndes Denken, das zu Verhaltensänderungen führt, das ist natürlich das Ziel. Aber auch das Problem. Einsicht und Wille sind dazu nötig.

Nun ja, immerhin ist das mit zwei Betreuern in letzter Zeit besser zu realisieren als die größte Zeit vorher, wo Hilfe verweigert wurde.

lg, oTp
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Re: Psychiatrie und Freiheit

Beitragvon jeig » Mo 14. Nov 2011, 19:10

Versteh ich nicht ganz, auch wenn einer die Freiheit auf Krankheit haben sollte, ist bei einer Psychose doch meistens (je nachdem wie gravierend sie ist) klar, dass der Kranke in einer Art Traumwelt lebt. Von "die Mafia will mich töten, daher schlafe ich mit dem Messer unterm Kissen" bis "ja, die Flugzeugentführer kenne ich, habe auch schon Dinger mit denen gedreht...".

Mir scheint ein "wegsperren in eine Psychiatrie" nicht das beste, oft vegetieren die dann dort vor sich hin. Allerdings wären, wie hier, die Eltern geschützt und bei guten behandelnden Ärzten, sogar Erfolg in Aussicht.

Wenn der Sohn dann klaut und macht und tut, geht das nicht unter "Fremdgefährdung"? FFE ahoi...
Ist jemand in Christus , so ist er eine neue Kreatur , das Alte ist vergangen , siehe , Neues ist geworden .
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