Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

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Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon firebird » Mo 17. Sep 2018, 13:04

Liebe Leser,

schon seit mehr als einer Woche beschäftigen sich einige von euch mit "geistlichem" Missbrauch. Dies hauptsächlich in 2 Threads die ich als weniger geeignet sehe, um sich umfassend mit diesem brisanten Thema auseinander zu setzen. Der eine Thread befasst sich mit einer sehr fragwürdigen Person und der Andere einfach über ein Buch zu diesem Thema.

Das Wort geistlich nehme ich prinzipiell nur dann in den Mund, wenn es um eine Angelegenheit geht, die im Sinne des Heiligen Geistes ist. Missbrauch ist niemals im Sinne des Heiligen Geistes. Missbrauch ist in der Religion angesiedelt. Welche Religion es betrifft ist eigentlich ziemlich egal.

Gehen wir zum christlichen Glauben. Der Gott an den ich glaube, welcher der Vater von Jesus Christus ist, lässt uns Menschen prinzipiell den freien Willen. Echte Liebe beruht auf Freiwilligkeit! So kann auch unsere Liebe zu Gott, wie gebrechlich sie auch immer ist, nur auf der freiwilligen Entscheidung unsererseits beruhen.

Alle noch so scheinbar geistlichen Forderungen welche unseren freien Willen bezüglich Glauben einschränken, sehe ich als religiösen Missbrauch. Auch gewisse Evangelisationsmethoden sind nichts Anderes als religiöser Missbrauch. Solche Methoden werden kaum die Frucht einer echten und tiefen Gottesbeziehung hervorbringen.

Hier werden wir über religiösen Missbrauch wie er sich manifestiert austauschen, ebenso auch darüber was er mit uns gemacht hat, doch am Wichtigsten wie wir von dessen Auswirkungen geheilt werden können.

Die diesjährigen Postings zum Buchtipp "Geistlicher Missbrauch in frommen Kreisen" werde ich hierher zügeln, damit wir ein grosses Stück umfassender weiter darüber austauschen können.

Auf einen weiterhin interessanten Austausch freut sich.

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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon onThePath » Mo 17. Sep 2018, 13:27

Firebird, als schon lange gemeindeloser Christ habe ich nichts zu tun mit geistlichem Missbrauch. Aber ich verfolge im TV eine Sendereihe über die Machenschaften der Scientologie. Erschreckend, wie Menschen andere psychisch knechten können. Z.J. sind meiner Meinung nach auch fremdbestimmt. Jede falsche Religiosität ist letztlich falsch und auch Manipulation, weil Menschen sie aktiv verbreiten. Ok, sehr weiträumig aufgefasst.
Oft geht aber geistlicher Missbrauch einher mit finanziellem, und bis hin zum sexuellen.

LG, otp
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon Gnu » Mo 17. Sep 2018, 15:45

Der Ausdruck „geistlicher Missbrauch“ ist m. E. unglücklich gewählt. Nach meinem Sprachempfinden handelt es sich der Sache nach um Missbrauch durch Menschen, die man allgemein als „Geistliche“ bezeichnet, und worunter Pastoren, Prediger und Priester verstanden werden. Der Sprachgebrauch ist hier maximal unbiblisch.

Der Sache nach, also dem Versuch, durch Macht zu manipulieren, kenne ich den religiösen Missbrauch sehr wohl. Ich habe genügend Leiter kennengelernt, die ihre Schäfchen in eine bestimmte Ideologie zwängen wollen, und wenn mich nicht alles täuscht, ist die Tendenz zunehmend. Ich entziehe mich ihnen entweder dadurch, dass ich austrete oder dass ich gar nicht eintrete.
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon jesher » Mi 19. Sep 2018, 07:09

Sich mehr und mehr von anderen Christen abzukoppeln ist kontraproduktiv. So kann man sich des Problemes lediglich entziehen, es jedoch nicht lösen, weder Pauschal noch im Einzelfall.

Christen sind als Leib Christi miteinander verbunden. Dies ist eine geistliche Realität mit geistlichen Auswirkungen. Nicht ohne Grund verwendet Jesus den Begriff "Leib" mit diversen Gliedern.

Sich als "Gliedmaße" abzutrennen, führt unweigerlich zu entsprechenden Symptomen, welche dem geistlichen Mißbrauch möglicherweise kurzfristig Erleichterung verschafft, mehr aber auch nicht. Gelöst wird nichts und neue Probleme entstehen.

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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon Helmuth » Mi 19. Sep 2018, 07:32

Gnu hat geschrieben:Ich entziehe mich ihnen entweder dadurch, dass ich austrete oder dass ich gar nicht eintrete.

Eine Möglichkeit. Eine andere ist einfach dagegen zu halten. Das empfiiehlt sich natürlich nicht für solche, die gerade Opfer sind. Diese müssen erst mal wieder aufgerichtet werden.

Andere wiederum kenne ich, die wechseln die Gemeinde wir ihre Unterhosen. Solche lernen dabei aber auch nichts. Ist ein Maß überschritten, erfolgt der Ausschluss ohnehin durch die Ungeistlichen, so meine Erfahrung. Geisltich Gesinnte grenzen ja nicht aus, solche versuche die Herde zusammenzuhalten.

Ich kann aber nicht jedem raten, solange zuzuwarten, bis der Ausschluss erfolgt, weil es geistlche Reife und Stärke erfordert, einer manipuliereden Leitung zu widerstehen als im Herrn. Aber sich jemand anzuvertrauen, der schon länger dient.

Ich kann auch immer raten ein Stehvermögen zu entwicklen und es immer dem Herrn zu übelassen, d.h. konkret keine Entscheidungen des Verlassens einer Gemeinschaft voreilig zu treffen, denn wie richtig gesagt wurde, wir sind der "Leib" des Herrn.
Herzliche Grüße
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon Tamahia » Mi 3. Okt 2018, 12:47

Ich möchte vier Punkte erwähnen, die für mich persönlich in Richtung Missbrauch gehen könnten, wenn sie falsch rüber gebracht und verstanden werden. Da im Kern alle vier Punkte gute Dinge sind, sind sie für mich definitiv kein Missbrauch, was die Sache anbelangt, aber wenn sie falsch gelehrt werden, kann könnte vielleicht beim einen oder anderen schon mal von Missbrauch gesprochen werden. So werde ich gerne aus eigener Erfahrung berichten.

Punkt Eins „Geistesgaben“:

Zum Glauben an Jesus Christus bin ich in einer Pfingstgemeinde gekommen. Obschon ich enorm viel Gutes in der Pfingstgemeinde erfahren durfte, erlebte ich dort aber auch Stress. Zumal extrem auf die sogenannten Geistesgaben gepocht wurde und ich das Gefühl erlangen musste, dass ich keine wirkliche Jüngerin Jesu wäre, nur weil ich beispielsweise nicht in Zungen sprechen konnte und noch immer nicht kann. Längere Zeit hat mich dies zutiefst verunsichert gehabt. Weil es mir mehrfach in entsprechenden Predigten so durchgekommen war, als ob die Zungenrede ein absolutes Muss für wiedergeborene Christen wäre. Wenn man dies nicht könne, dann gehöre man nicht wirklich zu Jesus oder sei eben nicht wirklich wiedergeboren worden. Auf jeden Fall habe ich es so verstanden.
Hier also der Punkt: Geistensgaben sind in sich etwas enorm Gutes, von Gott Gegebenes, aber wenn dann diese zu haben so verdreht werden, dass man ohne sie kein vollwertiger Christ ist und so andere Brüder und Schwestern verunsichert und geängstigt werden, dann bin ich der Meinung, dass dies in Richtung Missbrauch ginge. Oder zumindest Verdrehung von Wahrheit. Was denkt ihr dazu?

Punkt Zwei „Mission“:

Auch in anderen Freikirchen (nicht charismatischen) ist das Thema Mission enorm vordergründig. Auch diesen Punkt ist im Kern gut. Wir Christen sollten anderen von Jesus erzählen und das Evangelium verbreiten. Hier finde ich aber enorm wichtig, dass auch dieses Thema von den Pastoren richtig rüberkommt bei den Zuhörern. Nur Gott kann Menschen retten und sie zur Umkehr bringen. Gott möchte es zwar durch uns Menschen tun, aber es ist er, der es tut. Wir sind nur seine Werkzeuge. Wir können es nicht aus eigener Kraft heraus tun. Nur aus Jesu Kraft kommen Menschen zum Glauben. Wie oft fühlte ich mich hingegen herumgescheucht, dass ich gefälligst raus auf die Strassen zu rennen hätte, um die „Welt“ zu retten. Wie oft habe ich aufgrund dem Druck der Gemeinden unbeholfen versucht Leute zu bekehren. Nicht ein Einziger hatte Ohren für Jesus bekommen. Im Gegenteil. Manchen werde ich vielleicht sogar noch von ihm fortgetrieben haben durch mein eigenkräftiges "Missionieren". Ich habe mich nie gut gefühlt, sondern nur gestresst und dass dies von mir verlangt würde, aber ich hatte keinen Erfolg. Gott sei Dank durfte ich nach mehrfachen unfruchtbaren Versuchen dann endlich einmal erleben, wie es sie anfühlt, wenn es nicht ich tue, sondern wenn Christus mich gebraucht und er wirkt. Dies hat sich dermassen anders angefühlt. Ich fühlte mich nicht gestresst, ich fühlte mich voller Liebe für den anderen und es ging wie automatisch. Ich musste mich nicht verbiegen oder zu etwas selbst nötigen. Es kam einfach aus mir heraus. Und ich erinnere mich so gerne an dieses Erlebnis zurück.
Somit also der Punkt: Mission ist wichtig und gut, aber wenn Christen dazu genötigt und getrieben werden, dann finde ich es falsch und vorallem kontraproduktiv. Somit fände ich es wichtig, dass in den Gottesdienste vorallem auf die Beziehung zu Gott Schwerpunkt gelegt würde. Denn ich bin überzeugt davon, dass, wenn ein Christ die Beziehung zu unserem Herrn pflegt, dadurch eben „Früchte“ entstehen und dann Leute in der Tat zum Glauben kommen dürfen, als wenn wir als Gestresste und Getriebene auf eigene Faust agieren. Eure Meinung?

Punkt Drei „Finanzen“:

Den Zehnten zu geben, zu spenden etc finde ich in sich eine enorm gute Sache. Wenn aber mit schlechtem Gewissen agiert wird, dann nicht. Ich habe schon Predigten gehört, in denen ich dem Wortlaut entnehmen müsste, dass man nicht mehr gesegnet würde, wenn man den Zehnten nicht gäbe. Es wurde jeweils gut verpackt. So als Einleitung, dass Geben immer freiwillig wäre. Aber aufgrund der Predigt musste ich dann aber dennoch das Gefühl erlangen, dass ich es klar zu tun hätte, da mir sonst Segen etc entzogen würde. Ich glaube, dass auf diese Weise Leute beginnen aus Angst oder schlechtem Gewissen zu geben und nicht mehr aus dem Herzen heraus. Wie seht ihr es ?

Punkt Vier „Ministries“:

In der Pfingstgemeinde hat einer der Pastoren mal gesagt, dass man Gott unmöglich gefallen könnte, wenn man sich in der Gemeinde nicht engagieren würde. Sicher zumindest könne man später im Himmel keinen Lohn von Gott erwarten. Ich bin der Meinung, dass man Ministries auch außerhalb der Gemeinde tun kann. Nicht jeder Dienst muss direkt mit der Gemeinde zu tun haben. Ich bin der Ansicht, dass man gut auch auf eine andere Weise dienen kann. Aber auch diesbezüglich habe ich innerhalb der Gemeinde Druck und Zwang erfahren. Eure Erlebnisse?

Soweit mal meine Gedanken und Erfahrungen.

Liebe Grüsse
Tamy
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon lionne » Mi 3. Okt 2018, 16:00

Was du hier schreibst/schilderst, Tamy, geht eindeutig (auch) in die gleiche Richtung, wie ich denke, bzw. wie ich es erlebt habe....
LG lionne

P.S. ….sich nicht manipulieren lassen! ;)
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon Gnu » Mi 3. Okt 2018, 20:25

Tamahia bei allen vier Punkten Daumen nach oben. :clap:
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon Johelia » Do 4. Okt 2018, 01:01

Saii Tamahia

Von mir erstmal herzlich wikommen im Forum.
Ich freue mich dass du deinen Weg zu uns gefunden hast. :jump:

Was ich von dìr bisheŕ gelesen habe fand ich super, wohlfundiert und vor allem sehr lièbevoll! Eine solche Stimme fehlt hier schon lange. Auch das ist Mission.
(Meine besten Freundinnen Sandra & Lepidoptera hatten auch diese Gabe.)

Gnu hat geschrieben:Tamahia bei allen vier Punkten Daumen nach oben. :clap:

Auch von mir volle Zustimmung!! :clap:

Äs Grüessli
Johel :praise:
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If you do read the MSM you'r misinformed!
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon firebird » Do 4. Okt 2018, 11:46

Liebe Tamahia,

auch von meiner Seite ein Herzliches Willkommen in diesem Forum.

Schon 5 Beiträge hast du innerhalb von einem Tag geschrieben -- super!! :applause:

Solche gut fundierte und ehrlich abgefasste Postings erfreuen auch mich. Ich bin fest davon überzeugt, dass solche Zeilen für Christen wie auch für suchende Menschen sehr hilfreich sind um den Glauben an Jesus Christus zu vertiefen. Ich bin davon überzeugt, dass durch solche ungezwungenen Worte Menschen früher oder später zu Jesus Christus finden.

Wie Johelia auch, erinnere ich mich auch gerne an wohltuende User dieses Forums zurück. Da denke ich an Sandra73-an Sunrise, an die zu früh verstorbene Mary Orange, an Fortuna, an Lepitoptera, oder an die ebenfalls zu früh verstorbene Cori zurück. Wenn es nicht gerade um Politik ging, hat mich auch Doro erfreut, die leider auch nicht mehr unter uns ist.

Nochmals: Sei herzlich willkommen in diesem Forum.

Freundlicher Gruss
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon Tamahia » Do 4. Okt 2018, 12:21

Vielen Dank an euch Gnu, Johelia und Firebird!

Ich habe jahrelang unter "Religiosität" in Gemeinden oder unter Christen gelitten. Jahrelang hat es sich für mich, Christ geworden zu sein, mehr wie ein Fluch angefühlt. Ich dachte zwar, dass diesbezüglich etwas nicht stimmen könnte, konnte mich daraus aber auch nicht befreien. Aber durch meine Erlebnisse ist in meinem Herzen natürlich der Wunsch entstanden, andere Christen oder Neusuchende zu versuchen vor ähnlichen Verletzungen zu bewahren. Auf jeden Fall würde ich dies enorm gerne tun. Ich habe Gott immer wieder darum gebeten, mir doch suchende Menschen über den Weg zu schicken, da ich in meinem Umfeld bisher leider fast ausschließlich nur Leute getroffen habe, die sich für Gott kaum bis gar nicht interessieren. Dabei würde ich echt gerne jemandem helfen, der auf der Suche ist. Es kann ja noch kommen. Aber wenn ich vorerst hier mal ein paar hilfreiche Sätze hinschreiben darf, dann bin ich schon mal glücklich... ;)

Liebe Grüsse
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon firebird » Do 4. Okt 2018, 12:50

Liebe Tamahia,

doch nun wieder zum Thema zurück. Gut, dass du mit 4 Punkten der religiöse Missbrauch etwas griffiger gemacht hast. Aus diesen 4 Punkten komme ich zum Schluss, dass Gemeindeleiter wie auch Prediger unbedingt integere Personen sein müssen. Dann muss auch die Motivation dieser Crew geklärt sein. Diese Motivation entscheidet dann auch über die Haltung welche diese Crew zu den Finanzen hat.

So ist es eine wichtige Frage, ob man vor allem Anderen das Gemeindeprojekt in dem die Crew steht vor Augen hat, oder ob es um den Leib Jesu Christi als Ganzes geht. Reich Gottes und ein bestimmtes Gemeindeprojekt sind noch längst nicht immer kompatible Grössen. Gott selbst interessiert sich für das Reich Gottes. Das ist sein einziges Ziel.

Dass eine Gemeinde Räumlichkeiten haben muss, das ist klar. Doch welche Räumlichkeiten muss eine Gemeinde haben? Muss es wirklich ein sakraler Prunkbau oder ein üppiges eigenes Gebäude sein? Ein solches Gebäude steigert das Ansehen der Gemeinde, doch es verschlingt eine Menge Gelder!

Dann steht auch die Frage im Raum wie hoch soll dann der Lohn eines vollzeitlich angestellten Predigers sein? Auch da gibt es unterschiedliche Saläre. Da kann es gut sein, dass der Prediger schaut, dass er sich Einiges leisten kann. So gibt es durchaus Fälle, die eine Menge Geld kosten.

So wird es sofort klar, dass es Leute braucht welche für die (un)nötigen Kosten aufkommen. Da braucht es möglichst viele Gemeindeglieder welche den Zehnten bezahlen. Damit das auch wirklich klappt, redet man den Leuten ins Gewissen und schon ist der religiöse Missbrauch perfekt. So wird auch der freie Willen des Menschen gebunden.

Hat es in der Gemeinde für den grossen Finanzbedarf nicht genügend Zahler, dann ergeht der Appell um zu "evangelisieren". Das heisst, die Gemeinde muss mehr bezahlende Schäfchen haben. Der Druck auf die Gemeindeglieder kann je nach Befindlichkeit der Einzelnen sehr massiv werden. Vor allem bei Jenen, welche ein gutes Gewissen pflegen. Das ist religiöser Missbrauch in Reinkultur. Aus einem schlechten Gewissen heraus wird evangelisiert und nicht aus Liebe zu Gott und zu den Menschen die verloren gehen.

Damit die zahlenden Schäfchen auch möglichst lange bleiben, muss auch ein Programm auf die Beine gestellt werden. Mit zum Programm gehört auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl und auch eine Identität solch einer Gemeinde. Eine Sonderlehre wonach alle Christen in Zungen reden müssen und auch, dass nur geistgetaufte Christen wiedergeborene Christen seien, kann da durchaus identitätsstiftend sein. So etwas kann sogar so weit führen, dass die Gemeindeleitung über den Glauben der Gemeindeglieder Kontrolle ausübt. Ministries=Dienste stiften natürlich ein Programm. Doch damit eine Gemeinde den Dienst und die Kräfte seiner Glieder absaugen kann, gilt nur derjenige Dienst etwas, welcher unmittelbar in der Gemeinde geschieht. Dadurch können Gemeindebosse auch die Aktivitäten ihrer Schäfchen kontrollieren. Kontrollen solcher Art, sind immer religiöser Missbrauch.

Sicher, ich mag einige Tendenzen jetzt zu krass beschrieben haben. Doch es gilt die Augen offen zu halten, damit man nicht in die Fänge der Wölfe in Schafskleidern gerät.

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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon Tamahia » Do 4. Okt 2018, 19:24

Lieber Firebird

Es gibt also durchaus grosse Diskussionspunkte. Jene Gemeinde, in welche ich gehe, ist vorallem meine Gemeinde geworden, weil sie vom Wohnort her und den Zeitpunkten der Gottesdienste am besten passt. Leider klingt dies nicht allzu schmeichelhaft. Und ich wünschte, ich könnte überragend von anderen dafür sprechenden Kriterien sprechen, warum ich diese Gemeinde ausgewählt habe. Am Anfang hat es mir nach der Pfingstgemeinde dort sehr gut gefallen. Bis einfach auch dort der Druck aufgekommen war. Zudem richtet sich diese Gemeinde in erster Linie an Menschen, die Jesus noch nicht kennen und auch eher vom Style her an jüngere Leute. Wegen den Predigten gehe ich nur noch zweitrangig hin. Denn zu häufig ist es leider im letzten Jahr so gewesen, dass ich mich aufgrund der Predigten wieder herum gescheucht gefühlt habe oder aber die Predigten kratzten theologisch einfach sehr an der Oberfläche und ich habe das Bedürfnis mehr in die Tiefe zu gehen. Aber da sie in erster Linie ja Neulinge ansprechen wollen, kann ich ihre eifach gehaltene Predigen deswegen verstehen.

Natürlich habe ich schon daran gedacht, nicht mehr hinzugehen. Nur aus Pflichtgefühl zu gehen, finde ich nicht gut. Aber auf der anderen Seite habe ich ansonsten kaum Kontakt zu anderen Christen und dies finde ich eben auch sehr schade. Deshalb nahm ich mich wieder zusammen und hoffte auf Besserung. Denn ursprünglich hat es mir dort ja mal sehr gefallen und es könnte ja wieder soweit kommen. Die Leute dort, finde ich sehr nett.

Naja, manchmal fühle ich mich einfach deswegen in einem Spagat. Wenn die Predigten etwas langweilig sind, damit kann ich leben. Aber mit dem Stress habe ich Mühe. Beispielsweise, am vergangenen Wochenende entschied ich mich aufgrund von Personalmangel und persönlicher Anfrage beruflich zusätzlich einzuspringen. Normalerweise versuche ich die Sonntage wirklich für den Gottesdienst frei zu behalten, wenn ich keinen Dienst habe. Aber dieses Wochenende hatte die Firma wirklich einen Engpass gehabt und somit sagte ich zu. Aber gleich nach dem ich zugesagt habe, hatte ich die Worte des Pastoren in den Ohren gehabt, dass man Gott nichts vorziehen dürfe und die Gemeinde zu besuchen am Sonntag nicht einfach eine "Option" wäre, sondern dass dies eine klare Aufforderung wäre. Also bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich der Firma den Vorrang gegeben habe. Ich habe es dann mit Gott "besprochen". Naja, auf jeden Fall hatte ich nicht das Gefühl gehabt, als ob er jetzt gerade deswegen Feuer vom Himmel regnen lassen würde. Er kennt mich ja in und auswendig und weiss, wie sehr ich gemäß seinem Willen leben möchte. Zum Glück verschwanden dann diese elenden Schuldgefühle wieder. Natürlich kann ich es nachvollziehen, dass die Pastoren natürlich aufrufen, dass man wirklich regelmässig am Sonntag den Gottesdienst besucht und es nicht ein nach Lust und Laune Prinzip sein sollte. Und dennoch fühlte ich mich in meinen Entscheidungen manipuliert. Es ist ja nicht so, dass ich habe ins Kino gehen wollen, sondern ich entlastete die Firma und ging arbeiten.

Das mit den Anlässen und Programmen finde ich ja grundsätzlich auch gut. Findet bei uns im November wieder statt. Was ich dann hingegen nicht mehr so toll finde, wenn es in mehreren Gottesdiensten nur noch darum geht das Umfeld für den Anlass zu begeistern. Da gibt es im Vorhinein Gebetsanlässe und Kurse, damit wir es "richtig" machen und ich fühle mich einfach unter Druck. Was, wenn ich jetzt keinen Bock habe mich in diesen "Weiterbildungskurs" der Mission zu begeben? Ist Gott dann sauer? Wird das von mir erwartet? Ich fühle mich einfach nicht frei. Ich kann jetzt auswählen. Entweder schlechtes Gewissen haben, weil ich nicht teilnehme oder teilnehmen, obwohl ich gar nicht will. Nun, ich habe dann ein paar Leute eingeladen. Das bedeutet, ich habe eine ausführliche Mail verfasst und die Broschüre eingescannt und mitgeschickt. Zwei Parteien sind in den Ferien und zwei Parteien haben sich nicht einmal gemeldet. Okay, aber versucht habe ich es wenigstens??

Mir geht es einfach irgendwie gegen den Strich. Insbesondere auch dieses Pochen für drei VIP's zu beten, damit sie sich bekehren würden. Ich habe diesbezüglich eine völlig andere Einstellung. Gott ist völlig unparteiisch. So will ich auch unparteiisch sein. Ich bete für ALLE Menschen hier draussen, damit sie Jesus erkennen und umkehren mögen. Nicht einfach für drei. Ich meine, wenn ich mir das so überlege, wie soll denn das genau funktionieren? Bei denen Menschen, bei denen gebetet wird, bei denen sagt sich Gott, ja, diese Menschen ziehe ich jetzt extra, damit sie umkehren. Hingegen bei Menschen, bei denen niemand gebetet hat, sagt sich Gott, diese ziehe ich nicht, es hat ja niemand für sie gebetet? Ist Gott so? Also ich kann mir das nicht vorstellen. Er bemüht sich doch um alle. Zudem erhalte ich wieder solch ein "Verantwortungsgefühl", welches ich nicht tragen mag. Es kann doch nicht an mir liegen, ob jemand bekehrt wird oder nicht. Wenn ich für jemanden bete und der bekehrt sich dann zu Gott, ist es dann plötzlich mein Verdienst, weil ich so zäh und supertoll gebetet habe? Andererseits, wenn ich für jemanden bete und der bekehrt sich nicht, bin ich dann die Versagerin, die nicht "richtig" gebetet hat? Deshalb habe ich einfach meine Mühe mit diesem VIP-Beten. Natürlich bete ich auch speziell für mein Umfeld, meine Familie. Aber ich möchte Gott vorallem auch Raum und Zeit lassen, denn er weiß es doch so viel besser, wo der andere zurzeit steht. Vielleicht ist dieser Anlass gerade absolut nicht angesagt für denjenigen? Keine Ahnung. Ich könnte mich jetzt ja beginnen zu zerhacken, warum kein einziger zugesagt hat für den Anlass? Wahrscheinlich weil ich diese "Instruktionskurse" nicht besucht habe oder falsch und zu wenig gebetet habe? Aber zugegeben, ich mag mir solche Gedanken einfach nicht auferlegen. Ich bleibe wirklich lieber im Vertrauen zu Gott, dass er sich um jeden Menschen bemüht und mich schon gebraucht oder es mir zu verstehen gibt, wenn ich etwas Bestimmtes tun sollte...

Vielleicht noch als Abschluss. Anlässe, Beten, konsequent den Gottesdienst besuchen etc ist in sich ja alles gut. Aber wenn ich mich nicht mehr frei fühlen darf, dann frage ich mich, ob die Dosierung stimmt. Aber wir sind eben doch allesamt menschlich und oftmals nicht perfekt. Dies darf man nicht vergessen. Auch in der Gemeinde sind nur Menschen. Und ich gehe davon aus, dass grundsätzlich gute Ansichten dahinter stehen und einfach auch Fehler passieren.

Liebe Grüsse
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon firebird » Mo 8. Okt 2018, 12:59

Liebe Tamahia,

vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag gerne gehe ich noch auf ein paar Zeilen ein.

Beispielsweise, am vergangenen Wochenende entschied ich mich aufgrund von Personalmangel und persönlicher Anfrage beruflich zusätzlich einzuspringen. Normalerweise versuche ich die Sonntage wirklich für den Gottesdienst frei zu behalten, wenn ich keinen Dienst habe. Aber dieses Wochenende hatte die Firma wirklich einen Engpass gehabt und somit sagte ich zu. Aber gleich nach dem ich zugesagt habe, hatte ich die Worte des Pastoren in den Ohren gehabt, dass man Gott nichts vorziehen dürfe und die Gemeinde zu besuchen am Sonntag nicht einfach eine "Option" wäre, sondern dass dies eine klare Aufforderung wäre. Also bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich der Firma den Vorrang gegeben habe. Ich habe es dann mit Gott "besprochen"


Wenn ich jetzt sage, dass Arbeit in der Firma, dann auch Loyalität zur Firma, auch Gottesdienst ist. Was würde dein lieber Herr Pastor sagen? Oder was sagst du dazu?

Was echter Gottesdienst ist, ist nicht allein abhängig von der physischen Präsenz. Da würde ich sagen, entscheidender ist deine Herzenshaltung.

Wenn ein Pastor sagt, dass Gottesdienstbesuch keine Option sondern eine klare Aufforderung ist, dann verstehe ich ein Stück weit diesen Pastor. Es gibt wirklich Leute die finden, man könne vielleicht auch wieder einmal in den Gottesdienst gehen.

Doch wenn ich es mir aber genauer überlege, was bewirkt eine solche Aussage? Sie könnte sehr wohl bewirken, dass Leute rein äusserlich im Gottesdienst sind, doch innerlich sind sie weit weg. Dann gibt es sehr gewissenhafte Menschen, bei solchen Menschen wird dann das Gewissen gebunden oder via Gewissen werden solche Menschen manipuliert. -- also religiöser Missbrauch!

Freundlicher Gruss
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Re: Opfer von religiösem Missbrauch - Wie weiter?

Beitragvon Tamahia » Mo 8. Okt 2018, 14:47

Lieber Firebird

Dies sehe ich eins zu eins mit dir. Ich habe Jesus nicht nur im Gottesdienst mit dabei, sondern jede Minute. Ein Gottesdienst ist etwas Wunderschönes, aber wenn es an eine Drohung oder einen Zwang gebunden ist, dann verblasst die Freude. Ich glaube auch nicht, dass Jesus es erfreut, wenn ich nicht aus eigenem Willen und von Herzens wegen den Gottesdienst besuche, sondern aus irgendeinem schlechten Gewissen heraus. Dennoch musste ich ja erleben, dass die Worte des Pastors eben doch an mir nagten und Schuldgefühle erzeugten. Allerdings erlebte ich am Wochenende dann bei der Arbeit sehr gesegnete Arbeitstage. Es ging mir sehr gut bei der Arbeit an diesen Tagen und Gott war in meinem Herzen und in meinen Gedanken stets mit dabei gewesen.

Liebe Grüsse
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