Zwischen Egoismus und Nächstenliebe

Moderator: bigbird

Re: Zwischen Egoismus und Nächstenliebe

Beitragvon rejo » Sa 20. Nov 2004, 01:32

Original von soleil
Als Denkmodell dazu ist folgendes Sprichwort hilfreich, um zu verstehen, wovon ich ausgehe.
Wie man in den Wald hinein ruft, so schalt es zurück.


Hallo Rejo

Dieses Denkmodell war auch mal "Meines". Aber ich habe es in meinem Alltagsleben gründlich untersucht und bin zum Schluss gekommen, dass es entweder gar nicht stimmt oder evt. nur ein TEil der ganzen Wahrheit ist.

Das möchte ich Dir an einem einfachen Beispiel erklären:

Es gibt ja so Tage, wo man sich rundum wohlfühlt..mit seinem Inneren übereinstimmt. In solchen Momenten der inneren Zufriedenheit und Gelassenheit passiert es mir oft, dass ich von fremden Leuten auf der Strasse richtig aggressiv angemacht werde, geschubst, angepöbelt..arrogant und unfreundlich behandelt werde. Dann gibt es andere Tage, an denen ich innerlich aggressiv, unzufrieden ect. bin und oh Wunder...plötzlich grüssen mich die Leute überaus freundlich, ich werde an der Kasse vorgelassen, Lächeln hier, Lächeln da...und ich verstehe die Welt nicht mehr! Das hebt doch Dein Gesetz aus den Angeln..oder nicht?

gruss, soleil


Hallo Soleil,

vielmehr bestätigt es mein Gesetz, wenn du je nach Stimmungslage ganz unterschiedliche Reaktionen erhälst. Nur hast du dein Verhalten und deine Wirkung in den bestimmten Stimmungslagen offenbar noch nicht reflektiert. Du bleibst bei der Feststellung einer bestimmten Reaktion. Um diese Reaktion zu vermeiden, gerätst du ins Gegenteil und schon ist das Feedback gegenteilig.
Vielleicht solltest du dich mal einer Supervision unterziehen, damit du selbst erkennen kannst, wie du in den beschriebenen Momenten auf andere wirkst und was das Verhalten bei anderen auslöst.

Deine unterschiedlichen Stimmungslagen haben Ursachen und eben so ihre Bewertung durch dich selbst. Hier gilt es meiner Meinung nach anzusetzen.
Viele Erwachsene schlagen sich mit einem Gewissen (=Bewertungskatalog des eigenen Verhaltens) herum, dem sie nie gerecht werden können. Sie sind Gefangene dieses Normenkomplexes. Da viele von diesen Normen in der Kindheit angeeignet wurden, stehen sie einem erfüllten Erwachsenenleben im Wege. So sollte man eben diese Normen samt und sonders auf den Prüfstand stellen.
Ein Kind lebt in einer anderen Welt und hat nur eine rudimentäre Lebenserfahrung. Aus dieser Sicht werden Gebote und Regeln anders gedeutet. Ein Kind versteht das 4. Gebot nur aus der Perspektive eines Kindes und kann daher nicht ermessen, was das für einen Erwachsenen zu bedeuten hat. Genau das gilt nicht nur hier sondern für alle Regeln und Normen, die wir in der Kindheit von unseren Eltern und anderen Respektpersonen oder Freunden übernommen und in unser Lebensregelwerk eingebaut haben.
Im Heranwachsenenalter machen wir hier normaler Weise reinen Tisch und richten uns dabei nach unserer inneren Realität,den Persönlichkeitsmerkmalen, die uns unser Genom diktiert. Es beinhaltet ein Revirement des gesamten persönlichen normativen Gewissens aus der Kindheit. Das wird dann gerne als Charakterbildung bezeichnet. Jugendliche, die in dieser Zeit viel Krach, Streit und Ärger mit ihren Eltern oder anderen Autoritäten produzieren, sind beileibe nicht böse. Sie sind es nicht alleine, die Streit machen. Man muss auch die passenden Eltern dazu haben, die entsprechend stur sein können und partout nicht zulassen wollen, dass ihre Kinder ihre eigene persönliche Ethik entwickeln wollen. Jugendliche müssen sich auch hier von ihren Eltern abgrenzen, sonst werden sie keine Erwachsenen, die autonom ihre Entscheidungen treffen und bereit sind dies auch zu verantworten.
Die Überprüfung unserer Gewissensnormen löst einen neuen Reifungsprozess aus, der dann eigentlich nie mehr ganz aufhören wird.
Um diesen Prozess auch ohne fremde Hilfe steuern zu können, haben wir unsere Traumerfahrungen. Sie versuchen uns dafür die Augen zu öffenen, worauf wir bei unserer Lebensgestaltung achten sollten und was unsere Weichen immer wieder in eine andere Richtung stellt und damit verhindert, dass wir unsere Ziele erreichen können.

Gruss

Rejo
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Re: Zwischen Egoismus und Nächstenliebe

Beitragvon soleil » Sa 20. Nov 2004, 09:09

Hallo Rejo

Du meinst also, dass ich ziemlich "verdreht" bin. Ich weiss ganz genau, wie ich wirke, wenn ich innerlich aggressiv bin; ziemlich gefährlich und durchsetzungsstark. Dies zeigte sich sogar mal körperlich, wo ich im Zug fast vergewaltigt wurde. Ich bin über meine eigenen Kräfte richtig erschrocken, denn dieser Mann, der mich angegriffen hatte, flog quer durch den Zug. :shock:

Es ist schon so, dass ich in meiner Kindheit meine Aggressionen nicht so ausleben konnte, weil ich ja immer die grosse,vernünftige Schwester sein musste. Meine Schwester allerdings hat so richtig übermässig "die Sau rausgelassen". Aber mal ehrlich, dieses Muster ist ja nichts Ungewöhnliches..es ist ziemlich verbreitet..oder nicht? Deshalb zweifle ich daran, ob das wirklich so nen massiven Schaden anrichten kann???

Du glaubst also, dass mir eigentlich eine gewisse gesunde Portion Aggressivität bzw. Durchsetzungskraft zu fehlen scheint, so dass das, was ich als "schlecht" empfinde, eigentlich notwendig und gut ist? Habe ich dich richtig verstanden?

Umgekehrt könnte ich glauben, dass es nicht sein darf, dass ich mich so richtig wohl und glücklich fühle...deshalb die Anpöbeleien..wenn ich meinen Platz mal einnehme und mich einfach gut fühle?

Hmm...dieses Gesetz würde dann aber ganz anders lauten; nämlich: dir geschehe nach deinem glauben bzw. nach deinen innersten Ueberzeugungen.Man erntet nicht das, was man denkt, sagt oder tut, sondern das, was man GLAUBT. :?

lieber Gruss, soleil
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Re: Zwischen Egoismus und Nächstenliebe

Beitragvon rejo » Sa 20. Nov 2004, 12:22

Original von soleil
Hallo Rejo

Du meinst also, dass ich ziemlich "verdreht" bin. Ich weiss ganz genau, wie ich wirke, wenn ich innerlich aggressiv bin; ziemlich gefährlich und durchsetzungsstark. Dies zeigte sich sogar mal körperlich, wo ich im Zug fast vergewaltigt wurde. Ich bin über meine eigenen Kräfte richtig erschrocken, denn dieser Mann, der mich angegriffen hatte, flog quer durch den Zug. :shock:

Es ist schon so, dass ich in meiner Kindheit meine Aggressionen nicht so ausleben konnte, weil ich ja immer die grosse,vernünftige Schwester sein musste. Meine Schwester allerdings hat so richtig übermässig "die Sau rausgelassen". Aber mal ehrlich, dieses Muster ist ja nichts Ungewöhnliches..es ist ziemlich verbreitet..oder nicht? Deshalb zweifle ich daran, ob das wirklich so nen massiven Schaden anrichten kann???

Du glaubst also, dass mir eigentlich eine gewisse gesunde Portion Aggressivität bzw. Durchsetzungskraft zu fehlen scheint, so dass das, was ich als "schlecht" empfinde, eigentlich notwendig und gut ist? Habe ich dich richtig verstanden?

Umgekehrt könnte ich glauben, dass es nicht sein darf, dass ich mich so richtig wohl und glücklich fühle...deshalb die Anpöbeleien..wenn ich meinen Platz mal einnehme und mich einfach gut fühle?

Hmm...dieses Gesetz würde dann aber ganz anders lauten; nämlich: dir geschehe nach deinem glauben bzw. nach deinen innersten Ueberzeugungen.Man erntet nicht das, was man denkt, sagt oder tut, sondern das, was man GLAUBT. :?

lieber Gruss, soleil


Hallo Soleil,

da sage erstmal ein klares Ja! Diese beiden "Seelen" in deiner Brust gehören zusammen und ergänzen sich gegenseitig. Du scheinst aber glauben zu müssen, dass beide sich gegenseitig ausschließen.
Wenn du deiner Aggressivität volle Freiheit gibst, wird sich der Gefühlsstau allmählich verlaufen und solche überschäumenden Ausbrüche nicht mehr produzieren können.
Ein Glaubenssatz in dir hat dich bisher gezwungen, den natürlichen Fluss der Energie aufzustauen. Werden nun in einer bestimmten Situation deine psychischen Gegenkräfte - internalisierte gängelnde Vorstellungen aus deinem Elterhaus - überfordert, bricht deine Aggression ungehemmt und unangemessen los. Erst wenn man seiner Aggression volle Freiheit gewährt und sich auf sie und die Lebenswirklichkeit einstellt, erfährt man, was los ist und weshalb man so und nicht anders reagiert.
Anfangs wird der "Teufel Aggression" dich noch auf die Probe stellen, weil er nach so langer Kerkerhaft dir noch nicht so richtig trauen will. Dieses Spielen mit den eigenen psychischen Kräften und Gefühlen gibt den notwendigen Erfahrungsbackground ohne den man seiner selbst nie ganz sicher sein will. Man liegt dann ständig vor sich auf der Lauer aus Furcht man könnte sich mal wieder wie ein Elefant im Porzellanladen - oder so ähnlich - aufführen.
Du warst in deiner Kindheit die große Schwester, der man eine Aufgabe zudiktiert hatte, die eigentlich Aufgabe von Erwachsenen ist, nämlich Vorbild zu sein. Die Kindheit dient mindestens auch dazu, mit dem Leben, in das man eintritt, spielen zu dürfen.

herzliche Grüsse

Rejo

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