Erscheinung und Ding an sich - Nietzsche

Moderator: bigbird

Re: Erscheinung und Ding an sich - Nietzsche

Beitragvon Nataraja » Do 14. Aug 2003, 10:57

Hallo fckw,

Wenn alle Bedeutung kulturell abhaengig ist, wie Nietzsche das hier postuliert, dann muss das ebenfalls fuer sein eigenes Statement gelten.


Nietzsche hat nicht postuliert, dass alle Bedeutung kulturell abhängig ist. Was aber kulturell abhängig ist, ist Moral und Sitten.
Das hab ich ja in meinem letzten Post auch kurz angedeutet. Die Idee einer transzendentalen Moral ist nicht haltbar, die Idee einer transzendentalen Ethik hingegen schon eher. Kant hat das ja versucht, die Ethik als ein metaphysisches Problem aufzugreifen (Grundlegung der Metaphysik der Sitten). Man muß allerdings dagegenhalten, dass diese Gedanken vonnvorneherein protestantisch gefärbt sind. Es wird also gar nicht darüber reflektiert, ob Bibel vielleicht doch nicht das einzige heilige Buch ist.

Was sagt das dann aber ueber seine Theorie? Sie ist nicht universell gueltig, sondern historisch und kulturell gewachsen. Damit beschreibt die Theorie die Realitaet aber aus einem Bedeutungskontext heraus, innerhalb dessen sie sich selbst befindet!


welche Theorie ist schon universell gültig. Noch nicht mal die vermeintlichen Naturgesetze sind das, denn sie existieren ja de facto gar nicht, sondern sind lediglich ein Produkt des Denkens, genauso wie Moral etc. auch.

(Einfacher und nur sinngemaess formuliert: Wenn ich etwas definieren moechte, dann kann ich nicht die aufzustellende Definition zur Definition heranziehen).
Damit beschreibt die Theorie die Realitaet aber aus einem Bedeutungskontext heraus, innerhalb dessen sie sich selbst befindet!


Aber das ist ja nicht schlimm. Wer sagt denn, dass die Wissenschaftliche Methode (Nämlich einen Schritt zurücktreten und unter gar keinen Umständen Teil des zu beschreibenden Systems zu sein) überhaupt auch Wissen oder Erkenntnis bringt? Wenn man Systemtheoretiker befragt, dann sagen die einem so und so, dass die Wissenschaftliche Methodik ein Witz ist, weil alles und jeder immer und an jedem Ort immer ein Teil eines Systemes ist, oder selbst ein System darstellt (vgl. Luhmann).

Womit sich Nietzsche´s Theorie der eigenen Bedeutung beraubt.


Das gerade nicht! Und das aus zwei Gründen: Einmal bleibt die Bedeutung eines Zusammenhanges bestehen, ganz gleich ob dieser Zusammenhang richtig oder falsch ist. Eine falsche Theorie hat immer eine Bedeutung für irgendjemanden; und wenn es nur die Bedeutung ist, dass sie als Vorzeigestück für Irrtum hergenommen wird.
Was du wohl meintest, ist dass die Theorie grundfalsch ist. Aber: Im Gegensatz zu den Wissenschaftlern ist Nietzsche ein Philosoph gewesen. Die Tätigkeit des Philosophen besteht vor allem im Denken. Denkend einer Frage nachgehen, und diese von allen Seiten zu betrachten, um so zu einer gültig Sicht der Dinge, einer Ansicht zu kommen. Das Ergebniss dieses Prozesses trennt schon Aristoteles von anderen Wissensstufen ab. Die Philosophie gelangt zur episteme, zur Erkenntnis. Und diese Erkenntnis hebt sich ab vom Meinen (doxa) oder gar vom Vermuten!
Denken folgt den Regeln der Logig. Und Logik tickt aber überall auf der Erde im selben Tackt. Das bedeutet aber auch, dass Denken überall auf der Erde gleich von statten geht, und ein Prozess des Sehens oder Erkennens (=Philosophieren) auch zu gleichen Ergebnissen kommt.

Und wiedermal hilft uns die REINE Philosophie nicht weiter.


Leider voll daneben, wie ja gerade gezeigt wurde. Die Moral ist kulturabhängig, das Denken jedoch nicht (wo kommt überhaupt diese Behauptung her, dass alle Bedeutung kulturell determiniert ist her?).
Die Reine Philosophie hilft sehr wohl weiter, denn dank ihr kann etwa der Erkenntnistheoretische und blinde Fleck der Naturwissenschaften behoben werden.
Um was es hier bei Nietzsche aber geht (also in der Eingangsfrage) war aber doch eine Frge nach dem Sein, dem Dasein, dem Sein des Seienden. Es ist eine Frage nach Metaphysik und/oder Ontologie sowie die Frage nach der Qualität derselben, es geht somit auch um Erkenntnistheorie, Logik und Wissenschaftstheorie. Es geht um die Korruption des Wissens im Glauben und in der Religion, es geht um eine platonische oder um eine aristotelische Sicht der Dinge.

Gruß

Nataraja
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Re: Erscheinung und Ding an sich - Nietzsche

Beitragvon fckw » Do 4. Sep 2003, 22:57

Original von Nataraja
Die Moral ist kulturabhängig, das Denken jedoch nicht (wo kommt überhaupt diese Behauptung her, dass alle Bedeutung kulturell determiniert ist her?).

Denken ist kulturabhängig. Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel, das übrigens nicht von mir stammt, nämlich den Satz "Ich gehe zum Bäcker". Hätte ich den Satz vor ein paar Tausend Jahren geäussert, so hätte mich niemand verstehen können, weil damals noch keine Bäcker existierten, ja, ich hätte sogar den Satz nicht einmal denken können, weil ich mir etwas derartiges gar nicht vorstellen hätte können.
Somit ist allein schon der Gedanke "Ich gehe zum Bäcker" in seinem Bedeutungskontext kulturabhängig, nämlich von einer Kultur, in welcher es Bäcker gibt oder sich die Leute zumindest vorstellen können, was das ist.

Denken folgt den Regeln der Logig. Und Logik tickt aber überall auf der Erde im selben Tackt. Das bedeutet aber auch, dass Denken überall auf der Erde gleich von statten geht, und ein Prozess des Sehens oder Erkennens (=Philosophieren) auch zu gleichen Ergebnissen kommt.

Und damit kommt gleich mal das nächste Problem. Wenn dem wirklich so ist, wie ich vorher behauptet habe, dann ist plötzlich nicht mehr gesichert, dass Logik überall und zu jeder Zeit gleich "tickt", weil nämlich Logik z.B. darauf basiert, dass du und ich uns grundsätzlich mal verständigen können. Was überhaupt nicht garantiert sein muss.

Stellen wir uns zwei Leute vor. A ist einer der wenigen noch geschützt und abgeschottet lebenden Regenwaldbewohner, welcher zuvor noch nie was vom Internet gehört hat. B ist ein Businessman aus, sagen wir mal, Hongkong. Die beiden treffen sich (und Sprechen auf wundersame weise dieselbe Sprache) und B sagt zu A: "Das Internet wird die Welt verändern wie sonst nichts jemals zuvor." A erwidert: "Ich weiss zwar nicht, wovon du sprichst, aber die Welt verändert sich nicht. Jedes Jahr kommt erneut der Sommer und darauf folgt der Winter."
Das Problem ist, dass das Internet nicht im Bedeutungskontext von A existiert. Beide Personen wenden Logik an, da sich aber ihre Denksysteme (bzw. die Bedeutungskontexte) auf vollkommene Weise unterscheiden, halten sie die Aussage des andern für völligen *****.

Naja, war vielleicht nicht grade das beste Beispiel.

Die Systemtheoretiker machen übrigens einen entsprechenden Fehler. Sie oder zumindest die Radikaleren unter ihnen postulieren, dass sich niemand ausserhalb eines Systems befinden könne, ohne in einem Zusammenhang zum System zu stehen und also ebenfalls ein Teil des Systems zu sein. So weit so gut.
Wenn dem aber so ist, dann sind sie ebenfalls Teil des Systems dessen, was sie erkennen möchten. Mit andern Worten behaupten sie, dass niemand jemals einen Platz in einer Metaebene einnehmen kann, aber sie selbst können das ja auch nicht! Wie sollen sie dann also eine gültige Aussage über die von ihnen untersuchten Systeme machen wollen, wenn sie doch immer selbst auch ein Teil des zu erkennenden Systems (also ein Teil ihrer eigenen Theorie) sind?

Die Lösung kann allein darin liegen, dass sie ihren Objektivitätsanspruch aufgeben und neu nach einer in der Gemeinschaft der Mitmenschen intersubjektiv "richtigen" Lösung suchen. Aber eben: Dann müssten sie schon bereit sein, ihren Anspruch auf Objektivität aufzugeben, etwas, was den Logikern i.a. überhaupt nicht liegt.
fckw
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