Reflexionen

Diskussion und Fragen zur römisch-katholischen Kirche

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Reflexionen

Beitragvon SunFox » Mo 23. Jan 2006, 10:04

Von der "Inquisition" zur "Reinigung des Gedächtnisses"

(Reflexionen zum Schuldbekenntnis des Papstes)

Die "frohe Botschaft" von der Versöhnung der Welt durch den Gekreuzigten und von ihrer Veränderung und Vollendung durch den Wiederkommenden war von Anfang an eine Botschaft der Barmherzigkeit und Gewaltlosigkeit. Als "Evangelium des Friedens" (Eph 6,15) trat das Christentum in die Welt, aber die Welt - so hatte es der Gründer prophezeit - würde die Botschaft und die Botschafter der Liebe mit Hass zurückweisen und verfolgen (Jo 15,19.20).
In der 300-jährigen Verfolgung der Urgemeinde durch die heidnischen Cäsaren bis zu Kaiser Konstantin haben sich diese Worte buchstäblich erfüllt. Damals war es eine Grundüberzeugung der Christen, sich in Fragen des Glaubens lieber töten zu lassen als selbst zu töten. Der Kirchenvater Lactantius (4. Jh.) schrieb: "Die Religion ist nicht durch das Töten Andersdenkender, sondern durch eigene Todesbereitschaft zu verteidigen" (zitiert bei G. Entz, Zur Geschichte der Toleranz, Wien 1957, S. 2).
Mit dem vierten Jahrhundert trat jedoch eine überraschende Wende in der Leidensgeschichte der ersten Christen ein. Konstantin der Große begann das Christentum zu tolerieren (313), und Theodosius der Große machte die Katholische Kirche zur Staatsreligion (380). Ausgeschlossen von der Anerkennung blieben jene Christen, die sich in Lehre und Leben von der allgemeinen Kirche unterschieden: Montanisten, Arianer, Novatianer, Donatisten, Nestorianer. Zuerst schloss man die "wahnsinnigen Irrlehrer" (Theodosius) aus dem Römischen Reich aus, später wurden sie sogar umgebracht. Augustinus, der größte Lehrer der abendländischen Kirche, sprach in diesem Zusammenhang von "Verfolgungen aus Liebe" und von der Notwendigkeit, Ketzer durch Zwang zu bekehren (zit. bei H. Bornkamm, "Toleranz", RGG, 6:935). So begann eins der dunkelsten und betrüblichsten Kapitel der "christlichen Christenverfolgungen".

"Häretiker können ... umgebracht werden"

Als die Papstkirche des Mittelalters immer mehr zur triumphalistischen Machtkirche degenerierte und "mehr Konstantin als Petrus glich" (Bernhard v. Clairvaux), entstanden Gegenkirchen (Albigenser) und Reformbewegungen (Waldenser), die vom päpstlichen Rom blutig verfolgt wurden. Die theologische Begründung lieferte Thomas v. Aquin, der größte römische Theologe des Mittelalters, als er in seiner "Summa theologica" schrieb: "Häretiker können nicht allein exkommuniziert, sondern auch gerechterweise umgebracht werden." (S.Th.II-II, qu.11a.3) Kardinal Bellarmin, einer der großen Protestantenfeinde während der Zeit der Gegenreformation, nannte eine solche Handlung der Kirche sogar eine "Wohltat" gegenüber den Ketzern. Zur Aufspürung der sogenannten "Irrlehrer" und ihrer Übergabe an den Staat zwecks Bestrafung schuf Innozenz III. 1215 die bischöfliche und Gregor IX. 1231 die päpstliche Inquisition. Sie wurde den Dominikanern anvertraut, denen das Volk bald nachsagte, sie seien nicht "dominicanes", sondern "domini-canes", (Blut-)Hunde des
Herrn. Verfolgt wurden alle, die Rom im Namen des Evangeliums zu widersprechen wagten: Hussiten, Täufer, Lutheraner, Hugenotten. Noch im 19. Jahrhundert nannte Gregor XVI. (1832) die Forderung nach Gewissensfreiheit einen "Wahnsinn", und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Reformatoren als "Schrittmacher des Atheismus" und "Verderber" apostrophiert (Pius X., Enzyklika "Editae saepe", 1910).

An die 100 Schuldbekenntnisse

Erst auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) hat sich die Römisch-katholische Kirche zur Gewährung der religiösen Freiheit durchgerungen (Erklärung zur Religionsfreiheit, "Dignitatis humanae";). Langsam begann man zu begreifen, dass man den ökumenischen Dialog mit den anderen Kirchen nur dann glaubwürdig führen könne, würde man sich auch zu einem Schuldbekenntnis gegenüber den anderen Christen und gegenüber den Juden durchringen. Vorsichtige Versuche in diese Richtung wurden schon im Vergebungsangebot an die "getrennten Brüder" zu Beginn seines Pontifikats von Paul VI. unternommen: "Falls (!) irgendeine Schuld uns für diese Trennung zuzuschreiben sein sollte, so bitten wir ... um Vergebung. Und was uns angeht, sind wir bereit, die Beleidigungen zu verzeihen, die die katholische Kirche getroffen haben" (zit. bei W. v. Loewenich, Der moderne Katholizismus vor und nach dem Konzil, Witten 1970, S. 92).
Johannes Paul II. hat diese Ansätze weiter verfolgt und im Laufe seines langen Pontifikats an die 100 mehr oder weniger verklausulierte Schuldbekenntnisse ausgesprochen. Den diesbezüglichen Höhepunkt bildet das zu Beginn dieses Jahres im März 2000 artikulierte Schuldbekenntnis zu den Verfehlungen der Vergangenheit. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat diese Erklärung als "beachtenswert" und "hoch respektabel" eingestuft. Das jüdisch-amerikanische Komitee sprach von einem "Meilenstein in der Geschichte" und die angesehene Frankfurter Allgemeine Zeitung am 13. März 2000 von einem "historisch einmaligen Akt".
In sieben Punkten hat der Papst ein Bekenntnis zur Schuld im Allgemeinen und zu Verfehlungen bezüglich der Toleranz, der christlichen und menschlichen Einheit sowie bezüglich Israels, des Friedens und der persönlichen Grundrechte ausgesprochen. Ein solches Bekenntnis nötigt auch dem nichtkatholischen Christen Achtung ab. Es muss zugegeben werden, dass sich Rom in vielen Punkten (z. B. Religionsfreiheit, Ökumenismus, Judentum) neu orientiert hat und orientiert. Diese Neuorientierung soll auch zur Überwindung der eigenen peinlichen Vergangenheit führen. Dabei darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass das Bekenntnis sehr allgemein gehalten ist:

* Es spricht eigentlich nicht von der Schuld der römischen Kirche, sondern nur von der Schuld einiger "Glieder der Kirche" (§ 1).
* Intolerant war nicht Rom, sondern "die Christen" (§ 2.5-7), "die Gläubigen" (§ 3) bzw. "die sündigen Kinder Gottes" (§ 2). Nicht umsonst hat Hans Küng im Vorfeld der Erklärung gefordert, die Institution Kirche in das Bekenntnis einzubeziehen (Salzburger Nachrichten vom 8. März 2000, S. 11).
* Befremdlich wirkt auch für den Nichtkatholiken, dass der Papst für "die Christen" spricht. Offensichtlich beansprucht er wieder einmal die Rolle des "bedeutendsten Sprechers der Christenheit" (FAZ, ibid.). Dies liegt ganz auf der Linie der neu eingeschlagenen katholisch-ökumenischen Kirchenpolitik: Herrschaft nicht mehr durch Gewalt, sondern durch Anspruch auf moralischen Vorrang.
* Nicht weniger befremdlich wirkt das Ziel, das man sich mit diesem Bekenntnis gesteckt hat. Was verbirgt sich hinter der Formulierung "Reinigung des Gedächtnisses"? Sollen damit die Opfer und ihre Henker aus dem Gedächtnis getilgt werden? Sollen die Opfer ein zweites Mal umgebracht werden, indem man sie aus der Geschichte eliminiert? Wenn das zuträfe, wäre diese Erklärung ein subtiler Trick, die "Kriminalgeschichte Roms" der Vergessenheit anheim fallen zu lassen.

Der Geist der Intoleranz - noch lange nicht tot

Die Fairness gebietet, dieses Schuldbekenntnis zuerst einmal "in optimam partem" zu interpretieren. Deshalb wird sich auch der an der Bibel orientierte Christ zuerst einmal darüber freuen, dass hier allem Anschein nach mit dem Geist der Inquisition gebrochen wird und Rom auf einen Kurs der Gewaltlosigkeit einschwenkt, den die protestantischen Friedenskirchen - Mennoniten, Quäker, Church of the Brethren - schon ganz zu Beginn ihrer Existenz eingeschlagen haben. Bibeltreue Christen werden freilich auch zu bedenken haben, dass Intoleranz gemäß Daniel 7,25b nur einen Aspekt des antichristlichen Systems darstellt, während die eigentliche antichristliche Versuchung in der Hybris besteht, über Gottes Gesetz zu verfügen und sich göttliche Autorität anzumaßen (Da 7,25a.c).
Es wäre auch sehr blauäugig, anzunehmen, die Zeiten der Intoleranz wären mit dieser Erklärung ein für alle Mal vorbei. Die subtilste Form von Intoleranz kann sich nämlich im Namen der Toleranz einstellen, wenn beispielsweise die Gewährung von Religionsfreiheit durch Formulierungen wie "nur bei Wahrung der gerechten öffentlichen Ordnung" (II. Vatikanum, Religionsfreiheit 2) eingeschränkt wird. Solche Sätze bedürfen der Interpretation. Sie könnten in Zukunft auch so gedeutet werden, dass jeder, der diese Ordnung durch seine Lehre oder sein Werk angeblich stört, vom Vorrecht dieser Freiheit ausgeschlossen werden kann. Trotz des päpstlichen "Nie wieder" ist deshalb durchaus zu befürchten, dass der Geist der Intoleranz in unheilvoller Verbindung von Macht und Geist noch lange nicht tot ist, sondern jederzeit in neuer Form wieder auferstehen kann.

[Dr. Hans Heinz, langjähriger Dozent in Bogenhofen, Friedensau und auf der Marienhöhe, sandte uns (Adventecho) diesen Beitrag aus seinem aktiven Ruhestand in Braunau, Österreich.]
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