Advents- und Weihnachtsgeschichten

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Advents- und Weihnachtsgeschichten

Beitragvon Yehudit » Fr 2. Dez 2005, 21:25

Der Fahnder

„Weihnachtskontrolle“ rief der Fahnder laut, als er den Spielzeugladen betrat. Je fester sein Auftreten war, desto weniger Schwierigkeiten machten ihm die Leute. Er machte den Job jetzt seit zwölf Jahren, da hatte er einiges an Berufserfahrung gesammelt. Die meisten Leute mochten ihn sowieso nicht, und so war es ihm ganz recht, wenn sie ihn auch ein bisschen fürchteten.

„Bin ja schon da!“, sagte die Spielzeughändlerin und setzte gleich dazu: „Nichts zu machen, bei mir ist alles ordentlich angemeldet.“

„Wir werden ja sehen“, gab der Fahnder zurück. Er klappte seinen tragbaren Computer auf, holte mit ein paar Tastendrucken das Formular des Spielzeuggeschäfts auf den Bildschirm. „Also gut. Sie haben angemeldet: drei künstliche Weihnachtbäume im Laden, einen echten Baum mit 36 Lichtern vor dem Laden, eine Weihnachtmannfigur im Schaufenster, sieben kleine Dekorations-Weihnachtsmänner in den Regalen. Die Gebühren sind gezahlt.“ Der Fahnder zählte nach. „Stimmt alles.“

Die Spielzeughändlerin lächelte erleichtert. Aber der Fahnder schaute sich noch etwas im Laden um. Da sah er noch fünf Räuchermänner, die ebenfalls deutlich als Weihnachtsmänner gekleidet waren. Er zeigte auf sie: „Und was ist mit denen? Die sind nicht angemeldet.“

„Die sind gebührenfrei. Die haben doch die Marke.“

„Davon sehe ich aber nichts.“

„Doch, drehen sie die Figuren bloß um.“

Der Fahnder nahm eine Figur in die Hand. Tatsächlich, hinten auf dem Mantel des hölzernen Weihnachtmanns standen deutlich die zwei geforderten Worte, weiß auf rot in der richtigen Schrift.

„Das geht so nicht. Die Bestimmungen sagen: Die Marke muss deutlich sichtbar auf dem Gegenstand angebracht sein.“

„Aber sie ist doch deutlich sichtbar.“

„Ja, aber nur wenn ich die Figur umdrehe. Das genügt nicht. Ohne die sichtbare Marke ist die Abgabe fällig, in diesem Fall der dreifache Betrag plus 2000 Euro Bearbeitungsgebühr.“

„Damit geht ja ein großer Teil meines Weihnachtsgeschäftes für Gebühren drauf. Kann man da gar nichts machen?“ Die Selbstsicherheit der Spielzeughändlerin war dahin.

„Ich bin ja kein Unmensch. Ich lasse das Ganze noch einmal als Grenzfall durchgehen. Sie zahlen 200 Euro Verwarnungsgebühr und verpflichten sich, die Weihnachtsmänner so aufzustellen, dass die Marke richtig zu lesen ist. Im nächsten Jahr steht die Marke entweder vorne auf den Figuren, oder sie werden angemeldet – ist das klar?“

„Ja, schon gut.“

Die Spielzughändlerin musste untätig zusehen, wie der Fahnder die 200 Euro von ihrem Konto abbuchte, dann musste sie noch unterschreiben. Sie setzte ihren Namen unter den Ort und das Datum: Bamberg, den 5. Dezember 2299.

„So, das war’s. Schöne Weihnachten noch!“

„Sie erwarten jetzt aber nicht, dass ich ‚Auf Wiedersehen’ sage.“

Die Spielzeughändlerin ärgerte sich. Es war fast jedes Jahr dasselbe: Sie bemühte sich, alle Vorschriften einzuhalten. Aber die wurden immer komplizierter und spitzfindiger, und so fanden die Fahnder fast jedes Jahr irgend etwas auszusetzen. Eigentlich machte Weihnachten so keinen richtigen Spaß mehr.



Der Fahnder ging weiter durch die Geschäfte der Stadt. In manchen war alles in Ordnung. Manche Inhaber musste er verwarnen. Bei einigen musste er große Summen kassieren. Einer weigerte sich zu zahlen. Es blieb dem Fahnder nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen und den Mann festnehmen zu lassen. Der hatte tatsächlich gemeint, er könnte mit zwanzig geschmückten Bäumen ohne Marke den Gebühren entgehen.

Es wurde langsam Abend und dunkel und kühl. „Genug für heute“, sagte sich der Fahnder. Und er machte sich auf den Heimweg. Jetzt nach Dienstschluss konnte er die weihnachtlich geschmückte Stadt genießen. Es war schon irgendwie eindrucksvoll. Überall standen die Figuren der großen Weihnachtsmänner. Natürlich waren sie alle mit den zwei weißen Worten auf rotem Grund gekennzeichnet. Ein überlebensgroßer Weihnachtsmann ohne die Marke würde ein Vermögen an Gebühren kosten. Die Lampen von den Girlanden blinkten rot und weiß. Hoch über der Stadt kreiste gemächlich ein weiß-rotes Luftschiff. Als er auf den Marktplatz kam, hatte er Glück. Gerade fuhr feierlich und langsam einer der großen roten Sattelschlepper auf den Platz. Tausende von Lampen erleuchteten den Lastwagen. An seinen Seiten prangten übergroß die zwei Worte, die heutzutage jedes Kind mit Weihnachten in Verbindung brachte.

Der Fahnder hatte selbst hatte als kleiner Junge immer wieder davon geträumt, einmal einen solchen Weihnachtstruck zu steuern. Und er wusste, dass es für seinen Sohn jedes Jahr das Höchste war, einer ganzen Kolonne von diesen Trucks zu begegnen. Dann erst war wirklich Weihnachten.

Der Sattelschlepper war mitten auf dem Marktplatz zum Stehen gekommen. Die Rückwand des Auflegers öffnete sich, ein Weihnachtsmann kam heraus, und ihm folgten viele Helfer: Feen, Elfen, Mickey-Mäuse, Dagobert, Donald und Daisy Duck, Frösche und Marienkäfer, Außerirdische der verschiedensten Form, alle möglichen Gestalten aus den alten und neuen Trickfilmen. Die Kinder, die den Truck erwartet hatten, jubelten und kreischten. Der Weihnachtsmann und die Helfer begannen, kleine Geschenke auszuteilen, vor allem natürlich die Flaschen mit dem braunen Getränk, das Getränk mit dem Namen, der untrennbar mit Weihnachten verbunden war, mit dem Namen aus zwei Worten, in weißer Schrift aus rotem Grund. In manchen Flaschen befand sich allerdings keine braune Brause, sondern ein Gutschein für eine Reise oder ein teures Spielzeug. Jeder hoffte natürlich, eine solche Glücksflasche zu ergattern. Aus dem Lautsprecher tönte „Jingle Bells“ und „Fröhliche Weihnacht überall.“



War das nun fröhlich? Der Fahnder spürte ein Unwohlsein in sich aufsteigen. Es war seltsam: Er arbeitete für die Getränkefirma, die Weihnachten erfunden hatte. Er trieb die Gebühren ein von Leuten, die weihnachtliche Symbole verwenden wollten, ohne gleichzeitig Werbung für die Firma zu machen. Er lebte von Weihnachten, es war sein Job. Aber von Jahr zu Jahr konnte er sich weniger daran freuen. Es blieb in ihm ein Gefühl von Leere. Das alles wurde ihm immer fragwürdiger.

Er fühlte: Ich muss hier weg. Er wollte vor dem Heimgehen noch ein bisschen Ruhe finden und mit seinen Gedanken allein bleiben. Er nahm seinen Weg in ein stilleres Viertel der Stadt. Er überquerte den Fluss. Er spazierte langsam einen Hügel hinauf. Das Museum für mittelalterliche Kunst mit seinen vier hohen Türmen lag würdevoll da. Schon lange wollte er einmal das Museum besuchen, aber jetzt am Abend hatte es schon geschlossen, und ihm war ohnehin nicht nach Kunst zumute. In den alten Gassen hinter dem großen Museum war es endlich wirklich ruhig.

Er ging durch die Gassen und genoss die Stille. Musik riss ihn aus seinen Gedanken. Musik, die er noch nie gehört hatte. Da schienen doch tatsächlich einige Leute selbst zu singen, ganz ohne Elektronik. Das hatte er schon lange nicht mehr erlebt.

Er ging dem Klang nach und kam an ein altes Gebäude mit einem kleinen Türmchen. Die Tür stand einen Spalt offen. Der Gesang drang durch diesen Spalt nach draußen. Neugierig zog er die Tür ein wenig auf. Da saßen in einem kleinen Saal etwa drei Dutzend Menschen, Männer und Frauen, ältere und jüngere, auch ein paar Kinder. Sie sangen tatsächlich. Er verstand nicht ganz, was da gesungen wurde. Der Text des Liedes sprach von einer offenen Tür, von einem Retter und Helfer, von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Er konnte sich keinen rechten Reim darauf machen.

Aber diese Leute machten ihn neugierig. Er zog die Tür ganz auf und stellte sich hinten in den Raum, um weiter zuzuhören. Niemand schien ihn zu bemerken. Es war ziemlich dunkel. Der Raum war in eine andächtige Stimmung gehüllt. Vorne sah er ein seltsames Gebilde, einen Kranz aus Tannenzweigen mit vier richtigen Wachskerzen; zwei davon brannten, und ein beruhigendes Licht ging von ihnen aus.

Das Lied ging zu Ende und anscheinend auch diese seltsame Zusammenkunft. Denn die Leute standen auf, gaben einander die Hand und begannen, der Tür zuzustreben. Der Fahnder war neugierig geworden und war entschlossen, zu fragen, was das alles zu bedeuten hatte. Aber auch die anderen hatten ihn inzwischen gesehen. Einige von den Leuten kamen auf ihn zu und begrüßten ihn freundlich.

„Was ist das hier?“, fragte der Fahnder.

„Wir sind die Christengemeinde von Bamberg und feiern Advent“, erhielt er zur Antwort. Jetzt ging es ihm langsam auf. Von Christen hatte er schon einmal gerüchteweise etwas gehört.

„Was ist das – Advent?“, so fragte er weiter.

„Wir bereiten uns auf Weihnachten vor.“

„Was gibt es da vorzubereiten – Weihnachten ist doch schon seit dem ersten Dezember!“

„Für uns nicht. Wir feiern die Geburt von Jesus erst am fünfundzwanzigsten.“

„Geburtstag von Jesus – wie alt ist er denn?“

„Er kam vor ungefähr 2300 Jahren auf die Welt.“

„Da ist er ja schon lange tot. Und ihr feiert heute noch seinen Geburtstag?“

„Ja, weil wir glauben, dass er lebt.“

Das sind eigenartige Leute, dachte der Fahnder. Aber sie schienen es ehrlich zu meinen.

„Und warum habt ihr angefangen, ausgerechnet an Weihnachten seinen Geburtstag zu feiern?“

„Deine Frage ist falsch gestellt. Weihnachten ist, weil Jesus geboren ist.“

„Unsinn, jedes Kind weiß, dass Weihnachten das Fest von Coca Cola ist. Das ging im 20. Jahrhundert schon an. Weihnachten und Coca Cola – das ist dasselbe. Und wir sind stolz darauf.“ Der Fahnder sagte „wir“ – schließlich war es auch seine Firma. Aber er war sich dieses „Wir“ nicht mehr ganz sicher.

„Nein, das ist ein Märchen, das heute fast alle glauben. Aber es ist einfach falsch. Wir feiern Weihnachten schon viel länger. Wir sind heute nur wenige, aber es gibt uns Christen schon seit den Tagen von Jesus.“

„Behaupten kann das jeder.“

„Wir können es auch beweisen. Wir haben zum Beispiel Bücher aus einer Zeit, bevor Coca Cola gegründet wurde. Und da ist unser Weihnachtsfest schon selbstverständlich. Du kannst die Bücher gern sehen.“

Den Fahnder schwindelte. Konnte das sein: dass alles ganz anders war? Weihnachten, ein Fest dieser kleinen Gruppe von Christen? Weihnachten, gar nicht von seiner Firma erfunden? Dann hatten sie ja im Grunde gar kein Recht, Lizenzgebühren zu kassieren. Dann war letztlich sein Beruf hinfällig.

Er verabschiedete sich schnell und ging hinaus. Er musste nach Hause. Das war schon mehr, als er für heute verkraften konnte. Aber er war sich sicher: Er würde wiederkommen. Er würde weiter fahnden. Wahrscheinlich nicht mehr lange nach säumigen Gebührenzahlern. Er würde weiter suchen nach dem wahren Ursprung von Weihnachten. Er war sich sicher: Hier bei diesen Leuten war eine Spur zu finden. Und er fühlte: Heute hat etwas angefangen, möglicherweise sogar ein ganz neues Leben.


Peter Wünsche
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